Friday, October 21, 2016

Fall, der.

"Ich könnte jetzt erzählen, wie ich nach dem Fall so am Boden lag, die starren Augäpfel in einen sixtinischen Himmel gerichtet, während das Leben in tonlosen Filmschnitten an mir vorbeizog und Passanten schreiend um mich herumliefen, die Mutigen sich niederknieten und den Blutstrom aus meinem Hinterkopf mit ihrer Jeansjacke stoppten und die Feigen ein bisschen gafften in ihrer Hilflosigkeit, ich könnte also erzählen, wie ich da am Boden lag, auf dem Rücken und ein Bein ganz komisch abgewinkelt, weil sie das im Fernsehen so machen, und von oben auf mich selber herunterschaute. Ich könnte das jetzt erzählen, weil ich tot bin und euch erzählen kann, was ich will und weil ich genau weiß, dass ihr das hören wollt, wenn man das eben in jedem Film so zu sehen bekommt und verdammtnochmal, wenn man schon sterben soll, dann kann es ja ruhig auch ein bisschen dramatisch sein. Rückwärts hat man Narrenfreiheit - aber nachdem ich mein ganzes kurzes Leben lang gelogen habe, bis ich selber nicht mehr wusste, ob ich mir eigentlich über den Weg trauen kann, habe ich eines gewittrigen Mittwochs beschlossen, mich quer auf diesen Weg zu legen und von einem Siebentonner der Marke Magirus Deutz überfahren zu lassen.

Und deshalb verschone ich euch mit dieser Nicholas-Sparks-Scheiße und sage euch mal, wie das wirklich ist mit der Schwäche und dem Tod: Es ist nicht lustig. Und hat nichts, aber so wirklich gar nichts, Glanzvolles an sich. Am Ende reduziert sich alles auf die niedrigsten Körperfunktionen und selbst das wird in den Storys immer würdevoller dargestellt als es wirklich ist. Wenn man vom Auto angefahren wird, pinkelt man sich in die Hose und im schlimmsten Fall ist man schon wieder bei Bewusstsein, wenn der Notarzt kommt, und muss mit klebrigem Unterleib selber zum Seitenstreifen humpeln. Ihr wollt zu sehr das Drama, ihr verstörten Seelen.
Am Ende vergisst man das Fallen; das Aufschlagen bleibt für immer."






Bild: privat (Marrakesch, September 2016)
 

Monday, August 15, 2016

Jeremiah oder Auch ein Drogenabhängiger mag kein Heroin.

frei nach Albert Camus

"Eines Tages wachte Jeremiah mit Ruhepuls und gemäßigtem Blutdruck auf und wusste, er hatte ein Problem. Jeremiah war, das sollte man klarstellen, kein wehleidiger oder pathetischer Teenager, sondern ein gestandener Mann und hatte in seinem 21089 Tage kurzen Leben seinen gerechten Anteil an Kämpfen gekämpft. Er kannte Krankheiten und Abhängigkeit, er war geschieden und gebrochen, dreimal am Herz und einmal in der linken Kniescheibe - auf einer Reise in Kambodscha -, er wurde mehrmals operiert (an der Kniescheibe, für das Herz hatte man in der Klinik keine Geduld und wenig kardiale Kapazitäten) und einmal inhaftiert. Er hatte sich hoch und tief verschuldet und Gerichtsprozesse verloren. Er war im Laufe seines kläglichen Daseins durch nicht weniger als vier existentialistische Phasen gegangen und hatte in jeder einen Teil von sich gelassen. Er war immer bereit gewesen, sich den Absurditäten des Lebens zu stellen. Aber jetzt, als er in seinem sauberen Bett lag und friedlich vor sich hin atmete, wusste er, er war definitiv am Arsch: Er war glücklich.

Nun ist das für die meisten Leute kein Grund zur Beunruhigung, das hohle Gefühl ständiger Zufriedenheit anfangs höchstens ein bisschen befremdlich, aber der Mensch gewöhnt sich ja an alles. Doch für Jeremiah kam diese Leichtigkeit einem endgültigen Todesurteil gleich: Er hatte in seinem ganzen Leben alles von Wert aus Schmerz gezogen. Er brauchte den Schmerz, um gegen ihn anzukämpfen, er brauchte das Gefühl, ganz alleine zu sein mit ihm und das Gefühl, es nie mehr sein zu wollen. Schmerz hat immer das erste Sagen, dann kann man sich an ihm abarbeiten; mit dem Schmerz fängt alles an. Und solange er durch seine Adern rollte, gehörte der Schmerz ganz ihm. Er hatte sie immer gehasst, aber er konsumierte seine Qualen wie ein Junkie den Schuss. Auch ein Drogenabhängiger mag kein Heroin. Aber unglücklich sein, Apathie bis zum Absinth, Verzweiflung und Wut, das war seine Sache, das konnte er gut. Wir dürfen uns Jeremiah nicht als einen unglücklichen Menschen vorstellen.

Und da lag er jetzt auf der sauberen Bettwäsche wie in einem zerschossenen Kriegsgebiet und fragte sich, wie um aller Welt er hierhin gekommen war. Er hatte hier immer hingewollt, klar, es war sein Ziel gewesen – aber er hatte sich verdammt Mühe gegeben, es nie zu erreichen. Er stand auf, selbst das ging ohne Schmerzen. Prüfend klopfte er auf sein linkes Knie, das kaputte; es hielt stand. Jeremiah blickte auf seine Hände, die ruhig an seinen Armen herunterhingen wie Blätter von knochigen Ästen, kurz bevor der Sturm kommt: kraftlos, aber gefasst. Dann nahm er seine Fingerknöchel, steckte sie sich in den Mund und biss einmal kräftig zu, als würde er in einen sauren Apfel beißen. Es zwickte und fing leicht an zu bluten, aber Jeremiah war nicht zufrieden. Das würde ihm nicht den Arsch retten, sich jeden Morgen in die eigene Hand zu beißen wie ein Verrückter; er wollte ja nur seine Qualen zurück, nicht die alte Peinlichkeit. Beinahe leichtfüßig schleppte er sich ins Bad. Er betrachtete die weißen Porzellanschüsseln, die Armaturen aus Stahl, die passenden Handtücher, alles gemeinsam gekauft wie ein statistisches Ehepaar, und wich dem Blick der Kloschüssel aus, die ihn jeden Morgen anblickte wie kalkgewordener Verrat - man hatte ihm den Fels genommen und an seinen Platz ein spülrandloses Becken aus Keramik gestellt. Jeremiah öffnete das Badschränkchen, wich auch dem Blick im Spiegel aus, und klappte sein Gesicht so schnell wie möglich auseinander. Hinten rechts in der Ecke fand er eine neue Packung Rasierklingen, steril durfte er schon sein, der Schmerz, nahm eine aus dem Plastik und zog sich damit einmal über den Unterarm.

Es gibt ja diesen Test: Man zwingt Menschen auf einen Stuhl und lässt sie eine Viertelstunde in der Wüste ihrer Gedanken allein. Viele finden es unerträglich; man gibt ihnen die Möglichkeit, die Langeweile zu unterbrechen – mit einem Stromschlag. Die Ergebnisse sind schockierend. Und nichts anderes ist das Leben: ein leeres Zimmer mit einem Stuhl in der Mitte. Jeremiah wählte den Strom."


Bild: Elijjah Hail unter cc0 1.0 

Wednesday, June 15, 2016

Anders war ein Adjektiv.

Seit Beginn der linguistischen Zeitgeschichte waren alle Wörter eigentlich immer ganz zufrieden gewesen mit dem, was sie waren. Natürlich hatte jeder mal einen schlechten Tag und klar wäre gut manchmal gerne besser gewesen, aber dann sah gut sich Dokus im Kabelfernsehen an und als ihm dann bewusst wurde, dass Krieg und Hunger jawohl noch viel schlimmer dran waren, überhaupt die meisten Substantive, da war es dann doch ganz zufrieden. Nur ein Adjektiv fühlte sich ständig ausgestoßen; und nicht mal ausgestoßen wollte mit ihm reden, es hielt sich für etwas Besseres, klarer formuliert. Es war ein kleines Scheißleben: anders zu sein.




Bild: Toffee Maky (flickr.com) unter cc by-sa 2.0

Wednesday, April 27, 2016

Hunger.

zuerst erschienen im Mucbook-Magazin No 5 (Oktober 2015)

„Ich laufe durch einen Wald der Apathie, unter mir knacken die Äste mit müden Knöcheln. Von meiner Faust tropft eine wächserne Flüssigkeit und mein Magen knurrt wie der Bär, den ich damit manche Abende vergeblich jage. Statt Bäumen flirren hier Strichcodes unter hellwarmen Halogenstreifen, langsam taste ich mich vorwärts, einen dunklen Abgrund im Leib, die Lichtung ist das Kühlregal. Jeder Tag ein taumelnder Tanz durch das Alphabet der Selbstbespiegelungen – von Akzeptanz bis Zerrissenheit und wieder zurück und dazwischen liegt oft nur ein Bissen hektisch produzierten Billigfleischs, Hähnchenschenkel, 400 Gramm für 2,99€, heute im Angebot (!).
 
Manche Leute sind nie satt. Ich kann nach einem Abend unter Freunden mit der U-Bahn nach Hause fahren, den sauren Schweiß der anderen einatmen, aber versuchen es nicht zu tun; ich kann also durch einen kleinen Schlitz im Mund Luft holen und von innen dabei zusehen, wie ich zwischen den speckigen, kotzbraunen Ledersitzen der vollen U6 zusammensacke und schrumpfe, vielleicht noch kurz zucke - ich bin eine Schnecke, die über Salz geht. Ich kann täglich tausendundeinen Gedanken jonglieren, gut, manchmal fällt mir auch einer runter, so wie jetzt, aber wenn ich den Mund aufmache, kommt nur warme Luft raus und ein Schinkenbrot wieder rein. Ich will so viel sagen und bleibe doch stumm. Mit diesem hohlen Schmerz unter der Bauchdecke, der danach schreit, den Kopf in den Nacken zu legen und das Leben auszutrinken wie einen Shot Vodka.
 
Mein Leben ist wie das Fragment einer großen Geschichte, ich schreibe hundert Anfänge und einige Enden, aber nie den Mittelteil. Obwohl ich das weiche Mittelstück einer Brezn am liebsten mag, aber darum geht es hier nicht. Oder gerade doch? Manchmal kreist mein kopfsteingepflasterter Tagesablauf nur darum, was ich am Abend kochen soll. Ich denke darüber nach, während ich mir von einem Bildschirm die Augen tränig kratzen lasse, ich denke darüber nach, wenn ich Straßen und Plätze ablaufe und vor allem denke ich darüber nach, wenn ich meinen Löffel in Tiramisu tauche und das Kaffeepulver vor meiner Nase aufstäubt wie eine schwarze Lawine. Manchmal nehme ich den Ausdruck „hungrig sein auf das Leben“ ein bisschen zu wörtlich, ich hatte einmal diesen Albtraum, aufzuwachen und festzustellen, meine Wohnung ist nicht mehr da - weil ich sie aufgegessen habe. Ich habe einen Tisch in meinem Apartment, aber sitze nie daran. Die Tischdecke habe ich neu gekauft, sie riecht nach Fabrik und Plastik, und Fertiggerichte aus der Mikrowelle schmecken auch so, deshalb esse ich immer vor dem Fernseher und schaue die Gabel nie an. Großstadttristesse ist ein alter Hut und trotzdem tragen ihn so viele.“ 



Bild: Daniel Parks (flickr.com) unter cc by-nc 2.0

Sunday, April 03, 2016

Mama Palästina.

Al-Walaja, März 2016.

Wie soll man eine Geschichte erzählen, die ohne Worte auskommt?

Als wir den Berg hinaufkriechen, nach Har Gilo und weiter ins Dorf hinein, erst mit einem freundlichen Ranger aus der Gegend, der uns über die Grenze rettete, und dann in einem Taxi mit zwei Arabern im Turban und einer leise vor sich hin stöhnenden Muslima neben mir auf dem Rücksitz, nachdem uns die Polizei aus ihrem Autofenster heraus fotografiert hat, um sicherzugehen, dass das weiße Mädchen mit den blonden Haaren wirklich freiwillig nach Al-Walaja fährt, erzählt man uns später; als wir uns also die Berge Palästinas hochwinden und ich einfach nur noch ankommen will, habe ich noch meine Sprache. Ich verliere sie erst im Laufe des frühen Abends, als das Arabisch um mich herum zunimmt und alles verschlingt, was irgendwie vertraut klingt, und nach dem Abendessen aus viel Reis und gerösteten Mandeln und glänzendem, dunkel gewürztem Hühnchen, während ich allmählich mit dem grauen Plastiktisch in der Mitte des Wohnzimmers verschmelze und mir langsam immer weniger aus dem Mund fällt, als schöben sich die Wörter mit dem fettigen Essen zusammen in meinen Gaumen zurück, bin ich dann verstummt. Bin erst noch ein Kind, das selber nickt und irgendwann ein Möbelstück, das nur noch verrückt wird; im Passiv. Ob ich mitkommen will, die Cousine von der Arbeit in Bethlehem abholen, fragen sie mich, Nein danke, sage ich. Ich brauche nicht mehr viele Worte dafür, vielleicht schüttele ich auch einfach nur noch den Kopf.

Und dann sitze ich mit der Tante vor dem kleinen Heizkörper auf dem Teppichboden im Wohnzimmer, wir halten uns die Hände vor die glühenden Stäbe und dann fangen wir einfach an zu reden. Sie Arabisch und ich absurderweise Englisch, als ob sie das besser verstünde. Sie macht mir Minztee, eine Art Übersprungshandlung, wie später jedes Mal, wenn wir uns was sagen und nicht verstehen; dann brüht sie einfach Wasser auf, weil, wenn sie eines verstanden hat, dann dass ich verdammt gern Minztee trinke. Sie liest mir aus dem Koran vor und ich meine, dass sie versucht hat, mir in zehn Minuten den Islam zu erklären und irgendwann fängt sie an zu beten und singt mir laut ins Gesicht. Es ist etwas befremdlich, die Worte Allahu akbar, die ich nur aus Terrormeldungen und Attentatberichten kenne, von Fratzen, die mein geliebtes Paris und die ganze westliche Lust in die Luft sprengen wollen, so rausgerissen und lose zu hören, aus dem freundlichen Lachen einer Frau, die mir Tee macht wie eine Mutter. Aber ich schlucke alles; versuche mal, was wir alle viel zu selten machen: Worte aufzunehmen statt sie einfach nur auszukotzen. Dann deute ich auf das Buch, das ich für die Reise mitgebracht habe, von einem israelischen Autor, und sie betrachtet staunend die Buchstaben, und ich muss lachen, dass sie denkt, es wäre Englisch, bis mir auffällt, dass auch ich Persisch nicht von Arabisch unterscheiden könnte. Manchmal verstummt Sprache; hat nichts mehr zu sagen. Und so nähern wir uns an wie Kinder. Wir werfen uns irgendwelche Fetzen zu, lose Sätze, abgerissene Wörter, manchmal heben wir die Hände und schlagen sie dann über dem Kopf zusammen und lachen, wenn wir gleichzeitig einsehen, dass wir keine Ahnung haben, wovon der andere spricht.
 
Als die anderen wiederkommen, sind wir die besten Freunde.



Bild: privat (Bethlehem, März 2016)
 

Tuesday, February 02, 2016

Für den Rest ihres Lebens.

"Es fing damit an, dass sie beim Pinkeln plötzlich ein Geräusch hörte. Vielleicht nur ein organischer Defekt, ein undichter Abzug. Sie zog ab.

Am nächsten Tag wurde sie von einer Menschenmasse in die nächste geworfen, dann lief sie mit einem Freund nach Hause; er war ihr ungewöhnlich nahe, als sie durch die tiefen Straßen pflügten, sie aßen zusammen und fielen verschlungen ins Bett. Es fühlte sich gut an, nicht alleine zu sein, und sie wunderte sich nicht, einen zweiten Tenor beim Zähneputzen zu hören. Sie wunderte sich auch nicht, als sich das Spiel am darauffolgenden Tag und so den Rest der Woche wiederholte, und stellte keine Fragen, nicht an sich und nicht an die Welt und auch nicht an die Badezimmerfliesen; das Geräusch war wieder da. Sie gewöhnte sich an die subtil vulkanische Wärme seines Atems und den doppelten Herzschlag, mal Dur, mal Moll und immer im Kanon. Sie sah ihn ja nicht immer, in der Arbeit redete sie viel mit den Kollegen und manchmal fuhren sie zusammen mit ihrer Mutter heim, die im Nachbarort wohnte und sich Arzttermine in die Stadt legte, wenn die Langeweile und ein tiefes Stechen, das von einer alten Verletzung am Ischiasnerv rührte, wieder den Rücken hochzog. Erst als ihr nach zwei Wochen und erst erstauntem und dann hektischem Nachrechnen auffiel, dass sie seit diesen zwei und einer weiteren Woche nicht mehr alleine gewesen war, bekam sie Panik.

Das bildest du dir ein, sagte sie sich, das ist purer Zufall. So ist das, wenn man einen neuen Menschen in sein Leben lässt und sozial nicht völlig erkaltet ist, sei doch froh, dass du nicht Frau Berger vom dritten Stock bist – wenn die stirbt, merkt man es erst, wenn’s riecht.

Der nächste Tag war ein Mittwoch und als sie in ihrem Büro saß, umringt von Chefs und Kollegen, Leute über ihr, Leute unter ihr, nichts als Leute zwischen ihr und überall um sie herum, da beschloss sie, etwas auszuprobieren. „Ich gehe kurz in die Teeküche, mag jemand was?“, rief sie halblaut in die Runde. „Ach, ich hab den ganzen Tag schon so Bauchschmerzen, ich hab heute Nacht meine Tage bekommen, der erste Tag ist immer der schlimmste, ich bin so aufgebläht, das glaubst du gar nicht..“, setzte ihre Kollegin an, die nie zu wenig sagte und immer das Uninteressante, „ich komm mit“. Gut, Bianca ist ein Härtefall, das war klar. Kein Grund zur Aufregung. Sie teilten sich eine Portion im Wasserkocher, einmal Früchtetee und einmal Mach-dir-keine-Sorgen-es-wird-alles-wieder-gut-Lindenblüten-Kamille. Doch dann häuften sich die Niederlagen: die Heimfahrt teilte ihre Mutter, das Gesäß schmerzte wieder, dann lief sie mit ihm durch einen schüchternen Regen (Regen, der nicht die Eier hat, anständig zu fallen, und ein armseliges Dasein als humide Luftfeuchtigkeit auf Jacken und Haaren fristet), aß Käse und Trauben und erzählte ihm von diesem Thoreau-Buch, das sie neulich gelesen hatte und wie spannend das Konzept der Einsamkeit doch sei, klingt das nicht befreiend? Fand er nicht. Er schlug vor, zusammen einen Film anzusehen, sie wollte lieber lesen, er dann auch. Sie schlief nicht gut die Nacht, sein Atmen klang jetzt immer lauter, wie ein anrollendes Flugzeug in einer gewitterlosen Sommernacht. Er war kein Schnarcher.

Und sie horchte in den Abgrund der Nacht hinein und in das Echo fremder Atemzüge und merkte, sie hatte erreicht, was sie immer wollte: Sie war nicht mehr allein.
Das Problem war nur: für den Rest ihres Lebens."
 
 
Bild: Sabino Aguad (flickr.com) unter cc by-nc-sa 2.0

Tuesday, January 05, 2016

Der Architekt. (I)


"Eine humide Nacht kriecht heran, als er nach Hause läuft. Auf dem Markt, auf dem sie tagsüber glänzenden Schinken verkaufen und Dörrfisch auf kleinen Holzstöcken, räumen sie gerade die Reste des Tages weg. Eine rundliche Frau in speckiger Schürze wäscht ihre Plastikkisten mit einem Schlauch ab und er würde sie gern fragen, ob es das ist, was sie sich für ihr Leben vorgestellt hat. Es sollte gar nicht prätentiös klingen, eigentlich gibt es nichts Erfüllenderes, als hungrigen Menschen richtig guten Käse zu verkaufen, den ganzen Tag an der frischen Luft zu stehen und abends Erschöpfung bis in die Rippen zu spüren. Keine Zweifel und kein Druck, keine Leere und kein Bedauern; nichts als diese körperliche Erschöpfung, die dich ganz vereinnahmt und dir nachts die Knochen zersägt. Manchmal wünscht er sich diese Art von Ursprünglichkeit; und doch weiß er, dass er eigentlich viel zu weichgewaschen ist dafür. Er würde auch gern Fische fangen und Bäume fällen und morgens im Fluss baden. Er würde gern als Nomade in Marokko leben und nachts unter den nackten Sternen schlafen. Aber dann fällt ihm ein, dass er es mit dem Rücken hat und schnell friert; hat er als Kind schon. Seine Mutter erzählte ihm früher, wie sie ihm manchmal zwei Mützen übereinander angezogen hat, und wie sich dann die Leute über seinen Kinderwagen beugten und seinen riesigen Kopf begafften. Wie eine unförmige Melone, sagte die Nachbarin immer. Die Nachbarin war groß und ausgemergelt wie ein abgelutschtes Stück Holz und roch nach Bratfett und Urin. Er kann sie noch heute nicht leiden. Fakt ist, er ist, trotz aller poetischen Bewunderung, nicht geschaffen für das rohe Leben. Er plant vorher und analysiert später, aber er lebt nicht im Moment. Er ist kein Handwerker; er ist der Architekt.

Die Menschen bewundern immer diejenigen, die genau dort sind, wo die Reize auf ihre Nerven treffen, die heute sind und heute denken, aber sie verkennen, dass es eigentlich viel mehr Mühe einfordert, ständig gleichzeitig, ständig überall und nirgendwo zu sein. Gleichzeitig die Straßen der Vergangenheit einzureißen und die der Zukunft zu errichten. Er schwingt über den Abgründen eines selbstangelegten Kapitalismus; es kostet so viel Zeit. Wofür ist Käse ein Symbol? Der Architekt lässt seine Schritte langsamer werden und bleibt etwas unsicher neben der Frau in der Schürze stehen, tut, als müsste er auf die Uhr sehen, blickt auf sein nacktes Handgelenk, schiebt seine Hand hastig wieder in den Ärmel.

„Machen Sie das schon immer?“

Der Wasserstrahl ist lauter als der unsichere Tenor, der ihm aus dem Mund fährt, und unbeirrt fährt die Verkäuferin fort, ihre Kisten abzuspritzen. Er räuspert sich.

„Machen Sie das schon immer?“

Da dreht sich die Frau um und hält ihm den Schlauch wie ein schlaffes Gewehr vor die Brust.

„Tut mir leid. Jetzt hammse mich aber erschreckt. Was sachten sie?“

„Ob Sie das schon immer machen.“ Fast bereut er, ein Gespräch angefangen zu haben.

„Seit ich denken kann. Davor hat mein Vater diesen Stand gehabt und davor mein Großvater. Sehn Sie!“ Nicht ohne Stolz zeigt sie auf ein hölzernes Schild über dem kleinen Zelt, Käse Picard – Qualität seit 1921, steht darauf. Er gibt sich Mühe, ein beeindrucktes Gesicht zu machen, er fährt nicht oft auf den eisernen Schienen der Gesellschaft, aber manchmal sieht er keine andere Wahl.

„Machen Sie es gerne?“

„Ob ich das gerne mache, Jungchen. Sie stellen Fragen. Man überlegt sich nicht, ob man es gerne macht oder nicht, man macht es einfach.“ Sie kratzt sich an einer schuppigen Stelle am Ellenbogen, genau an der Stelle, wo das weiche Fleisch ihres massiven Oberarms auf den Schorf in der Beuge trifft, und der Architekt wendet befangen den Blick ab. Solche Augenblicke sind ihm immer peinlicher als den Betroffenen, vielleicht weil er nie genau weiß, wo er auf der kurzen Linie zwischen indiskret und verklemmt oszilliert. Seine Stille und das beständige Kratzen, das die junge Nacht zerreißt wie Schleifpapier, bringen sie schließlich zum Reden.

„Früher wollte ich mal auf die Modeschule. Aber hilft ja nichts, der Stand ist unserer Familie und dann muss man den übernehmen. Da wird nicht groß gefragt, was man sich für seine Zukunft vorgestellt hat. Man macht es einfach“, sagt sie nochmal und hält inne. Sie überlegt kurz. „Und ich mach es ja schon gerne. Es ist halt Arbeit, ich rette damit vielleicht keine Leben, obwohl ja irgendwie schon, weil die Leut‘ wollen ja essen -“ Sie lacht ein leises, aber festes Lachen, man hört, dass sie Kettenraucherin ist, wahrscheinlich auch dem Alkohol nicht abgeneigt, immerhin hat sie guten Käse, denkt der Architekt, und dann guckt sie ihn freundlich und etwas ungeduldig an. Der Schlauch hängt kraftlos an ihrer knotigen Hand herunter. „Ham’se jetzt alles, was sie wissen wollen?“

Er hat, fürs Erste. Er nickt und sagt „Guten Abend“ und hätte er einen Hut auf, hätte er ihn gern gelupft, aber stattdessen hebt er die Hand zum Gruß und lässt sie auf halber Höhe wieder sinken wie ein Flugzeug, das zur Notlandung ansetzt, und dann steckt er seine inkompetenten Hände in die Manteltaschen und schlägt den Kragen hoch und läuft durch die Einsamkeit nach Hause. Er wohnt in einem ganz kleinen und hässlichen Haus am Stadtrand, der Architekt."


Bild: Instant Photography