Thursday, November 12, 2015

Pont au Change.

"In zwei Sekunden kann man einen Tequila exen oder zwei wieder auskotzen. In zwei Sekunden kann man sich einmal durch die Haare fahren oder alle abschneiden. In zwei Sekunden kann man verstohlen rülpsen oder für einen kurzen Moment die Welt atmen hören. In zwei Sekunden kann man nicht: sein Leben ändern. Aber eine Ampel kann es. Und genau so war es irgendwie auch, an einem nichtssagenden Mittwochnachmittag durchschnittlicher Luftfeuchtigkeit, als die Ampel an der Pont au Change von Rot auf Grün sprang und sich im Leben von Z. alles drehte.

Wie immer hatte sie sich beim Warten schräg nach hinten umgedreht, wo der Eiffelturm stand. Geduldig, gelangweilt, eine französische Charakternase aus Stahl. In einer Stadt, in der jeder Gedanke im Staub erstickt wird, weil alles schon gedacht, gesagt, gefühlt wurde, ist es schwer, irgendetwas völlig Neues zu tun; immer wenn ihr das klar wurde, wollte sie die Straßen umfalten und ausheben, Brücken spalten, Pflastersteine vom Asphalt brechen. Sie wollte die ganze Stadt in große Stücke reißen und sie schälen, häuten, entkernen.

Noch einmal umdrehen. Sie machte es nicht auffällig, vor allem aber machte sie keine Fotos, sie war ja keine gottverdammte Touristin. Nur sich vergewissern, dass er noch da war; dass man selbst noch da war. Alles war noch da, wie gestern. Wie immer. Im Café Bords de Seine saßen ein paar Leute alleine vor ihrem Espresso und taten beschäftigt oder ließen es bleiben, die Gesichter wie leere Teller. Ungeduldig trat sie von einem Fuß auf den anderen, es war März, aber immer noch kühl, außerdem war sie ja eben keine Touristin, sie konnte die abgegriffene Schönheit dieser Stadt auch im Vorbeihetzen bewundern. Um den Place de Châtelet schlängelten sich die Autos in wichtigtuerischer Eile, überrannten sich, blieben stecken. Es gibt keine Lücken in Paris. Paris ist eine Stadt wie ein gelebtes Leben, die ganze Topographie ein abgetretener Weg. Der Gedanke fuhr ihr in die Knochen wie ein stumpfes Skalpell. Und dann sprang die Ampel und sie lief los. Und dann sah sie die Lücke. Sah erst durch die Lücke hindurch und dann außenrum, auf das Gesicht links und rechts und oben und unten von dieser Lücke.

Wäre ein Gesicht ein fremdes Land, dann hätte sie diese Prärie in dem Moment betreten, als die Ampel umsprang an der Pont au Change. Am liebsten wäre sie durch dieses Gesicht spaziert wie durch einen Nationalpark und hätte sich in den Falten verlaufen. Vielleicht in der Grube links neben dem Mundwinkel niedergelassen und eine kleine Weißweinschorle bestellt. Aber weil es ja ein Gesicht war und kein Nationalpark, und weil sie ja nicht verrückt war und außerdem eh viel zu groß proportional gesehen, lächelte sie einmal hinein wie in einen Spiegel und sagte Hallo. Und der Zaun um die Lücke öffnete sich zu einem breiten Grinsen und sie ging rein."



Bild: Roger W (flickr.com) unter cc by-sa 2.0