Wednesday, August 02, 2017

Kurze Geschichte des Fehlers.

Der Fehler steht am Anfang der Menschheit. Er ist der Grund, wieso wir in Massentierhaltung produziertes Kalbsfleisch essen, schlechtes Gewissen abgepackt in schwitzende Folie unter verzweifelt um ideale Ausleuchtung bemühten LED-Stäben, Fett und Leber statt Milch und Honig, aber um 30 Prozent reduziert, und wieso wir uns nur noch ausziehen, wenn man den Anderen anmacht oder die Lichter aus. Der Fehler prangt als Dellen und Male auf der Haut der Menschen, zieht sich als Lücken und Verdrängtes durch ihre Biographien und wird nicht nur in ihre in Südostasien hergestellte Kleidung, sondern in ihr ganzes Wesen eingenäht.

Mit dem Fehler fängt es also an. Ohne ihn gäbe es keine einzige Geschichte; das Alte Testament beginnt mit einem Fehler (und dem Fall). Wenn etwas reißt, vielleicht so wie Adam den Apfel vom Baum brach, den Ast ein bisschen beschädigt, das Blätterwerk zerwühlt, wenn aus einem Ganzen ein Teil wird und aus einem glatten Feld eine Kerbe – dann kommt der Stein ins Rollen. Wie eine Insel hebt sich der Fehler aus dem flachen Ozean der Unschuld und des Nichts, formt Küsten und Grenzen; gebiert Packeis, an denen Schiffe brechen, Häuser und Willen. Die Erfindung von Eis am Stiel liegt einem Fehler zugrunde: Frank Epperson war elf Jahre alt, als er in einer Winternacht ein Glas Limonade mit Löffel vor dem Fenster vergaß. Das Patent von 1923 beschert gefrorenes Pappeis mit Zucker, ein Versehen zum Ablecken. Auch die Entdeckung von Penicillin, Viagra oder Dynamit waren Fehler, allenfalls Zufälle. 

Und für uns war es auch so. Irgendwo schleicht sich immer Dreck ins Getriebe, und wir wollten ihn ja auch, den Schmutz, wollten körniges Chaos statt klinische Gefühle, die man im Doppelpack unter Neonstoffröhren kauft, zugeschnitten und abgepackt, unbenannt; ja, wir wollten es so. Ist das also das Leben, zu dem wir verdammt sind, die kurze Steißgeburt eines Fehlers, alles ist verdreht - und dann nichts als Korrekturen?

Weil wir also alle Fehler machen, aber jeder einen anderen, stolpern diese Fehler übereinander, bringen sich gegenseitig zu Fall und lassen keinen anderen Schluss zu als das Ende


Bild: Google Maps (Mistake Island, Mount Waddington A, British Columbia, Canada)

Saturday, May 06, 2017

Bitte München, werde endlich mal richtig krank.

Wenn ich an München denke, kriege ich das Gefühl, jemand schnürt mir die Luft ab; legt mir die Hand auf die Kehle und drückt zu. Aber genau so, dass immer noch ein kleiner Stoß Sauerstoff seinen Weg in die Lunge findet – gerade so, dass es zum Leben reicht. 

München hat die besten Ärzte, ist aber klinisch tot. Wird beatmet von Lifestyleblogs und Pop-Up Stores, die nicht wissen, dass sie alles nur noch schlimmer machen und zwangsernährt von Wirtshäusern und Bierhöllen, weil das eben schon immer so war. Tradition ist nicht immer Tugend, sondern manchmal einfach Einfallslosigkeit. Neulich war ein Freund aus dem Québec zu Besuch in München, wir hatten Glück mit dem Wetter, ich kaufte ihm Pommes von der Gute Nacht Wurst (Bergwolf hatte zu) und Augustiner vom Reichenbachkiosk, wir setzten uns an die von Ausschwärmern vollgespülte Isar und hielten Bier und Füße ins klare Wasser. Er war begeistert, ich dann auch; München hat seine Momente. Aber dazwischen ist das Leben dort ein einziges Wachkoma, eine Stadt wie ein Sedativum. 

Man kann sich nicht einmal gepflegt darüber aufregen, leidenschaftliche Hasspamphlete schreiben wie über die schlachtschiffgraue Hässlichkeit Berlins oder die Menschen in Paris; gegen München zu hetzen ist meistens genauso frustrierend wie die Stadt selbst, die glattgeschleckten Wände der Residenz bieten kaum Angriffsfläche. Wehren sich mit penibler Sauberkeit gegen jegliche Art von fundierter Kritik – München tut dir ja nix. Es ist fleckenlos, wohlhabend und sicher; es hat genau so viel Kulturangebot, um nicht als brach zu gelten, und alle paar Monate macht eine neue Gin Bar auf, weil es unter Lehramtsstudenten jetzt sehr hip ist, auf viel zu kleinen Holzstühlen Dinge zu degustieren, von denen sie nicht betrunken werden. Es ist schwer, gegen diese abartige Vorbildlichkeit anzuschreiben, Max Scharnigg hat es trotzdem geschafft, aber die meiste Zeit trägt München Gore-Tex. Das hilft gegen Regen und Alpenfön, und ist so praktisch wie unschön. Aber Hauptsache nicht krank werden.

Und vielleicht ist das das Problem: München ist nicht krank. Dabei bräuchte es genau das. Muss ja kein Krebs sein, aber zumindest mal eine richtige Erkältung; auf jeden Fall irgendwas mit Fieber. Denn eine Stadt lebt wie eine Existenz davon, dass Dinge passieren, Beulen aufbrechen, Nähte platzen und Wunden zuwachsen. Von Brüchen und Narben. Von Exaltation und Verfall. Aber in München, wo Ekstase in die SAUNA passt, wo Rebellion beim Ordnungsamt angemeldet wird und das Leben wie ein renaturierter Fluss ohne Strom vor sich hin mäandert, ist alles nur noch von Markt und Maschinen beatmeter Stillstand. 

Ist das alles jetzt sehr subjektiv, befeuert von einem individuellen Stadtkomplex und der Tatsache, dass ich in wenigen Wochen mit dem größten Widerwillen aus Paris ziehe? Bestimmt. Ist das alles übertrieben, aufgepeitscht, an den Ecken geschärft, um erstens als definierter Text zu stehen und zweitens kantenlos Teil einer Polemik zu werden? Sicher. Aber dann denke ich wieder an München und fühle die Wände näher auf mich zukommen. 

München ist eine Kreuzung aus Pleasantville und Schöner Neuer Welt: Es passiert nichts wirklich Schlimmes, und nichts wirklich Gutes; aber das ist nicht die Definition einer Stadt mit Puls. Städte müssen dich kaputtmachen, zu Boden zwingen und dann wieder in den Himmel werfen, sie müssen dich anzünden und manchmal verbrennen; München liegt seit Jahren in seiner eigenen Asche und raucht im Biergarten vor sich hin, eine Stadt in dörflicher Benommenheit. Nicht wirklich gesund, aber auch nicht wirklich krank: chloroformiert, anästhesiert, ruhiggestellt. Örtlich betäubt. Was wir haben, ist ein Koma; was es braucht, ist eine Krise. 

Bitte München, werde endlich mal richtig krank. Dann komm ich dich auch besuchen. 




Bild: privat (seltenes Münchner Kammerflimmern, Mai 2016)

Thursday, March 30, 2017

Das Gebiet hat kein Gedächtnis.

erschienen im Sammelband der Shortlist für den Schreibwettbewerb "Text and the City" (astikos Verlag)

"Egal, wo ich bin, ich muss nur die Augen schließen und schon sehe ich alles vor mir, wie das Relief auf einer Karte: Ich sehe eine schattige Straße, schwer von Häusern, und einen Kartenladen am Ende, dort, wo die Straße auf die nächste trifft und hell wird und laut. Der Boden riecht warm vom Abfall, vermischt sich mit dem Fischgeruch vom Markt ein paar Meter weiter, und ich halte die Luft an. Ich sehe einen kleinen Park, ein größeres Viereck mehr, mit Bäumen und Bänken im Schatten. Männer, die Boule spielen und junge Väter, die ihre Kinder in die Luft werfen, gut aussehende Väter, Tauben. Spieler, Flaneure, Irrende, Durchgänger. Ich sehe den Geldautomaten, der leicht knistert, wenn er die warmen Scheine ausspeit, und daneben eine obdachlose Frau, nicht älter als Dreißig. Sie hat ein Kind im Arm und immer sind sie in ein Dutzend Lagen gehüllt, auch wenn es sehr heiß ist und ich auf dem Weg in den Park. Als ob sie sich vor etwas schützen wollen. Oder kein Ärgernis erregen wollen bei den schicken Bürgern; jeder, der hier nicht am Boden liegt, ist Bourgeoisie. Leute, die mit nackten Beinen über andere steigen und sich an ihrem Sonntag gestört fühlen, wenn ihnen ein Bettler beim Geldabheben zuguckt. Ich sehe Taubendreck auf dem Boden, von Schuhen zerkratzt, und das kleine Kino an der Ecke, in dem sie Filme aus den Dreißigern zeigen. Ich sehe eine leere Küche, einen verlassenen Schreibtisch, eine einsame Matratze. Ich sehe Paris. 

Es steht immer noch der gleiche fette Mann hinter der Bar, kaum gealtert. Er zapft mir ein Bier, nimmt meine Kreditkarte, ich setze mich ans Fenster, das von einem schweren Vorhang geknebelt wird. „Kann ich mich setzen?“, fragt eine Stimme neben mir, und noch bevor ich denken kann, sowas passiert doch nur in Filmen oder Texten, die plötzliche Erscheinung eines prophetischen Charakters als handlungstreibendes und augenöffnendes Moment, ich habe es selbst schon genau zu diesem Zweck benutzt, bevor ich das also denken kann, habe ich schon mit meinem großen Zeh den Barhocker neben mir ein wenig zur Seite gerückt. Ich stoße halblaut etwas Zustimmendes hervor, nehme einen tiefen Schluck von meinem Bier und erlaube mir erst dann einen ausgiebigen Blick auf die Person neben mir: Schneeweiße Haare, erstaunlicherweise frei von diesem öligen Gelbstich, wie ihn Säufer und alte Leute sonst meist dulden, Adern, die sich wie Schlangen um schmale Handgelenke winden und eine große, etwas zu weit nach links gerutschte Nase: Ein klassischer Franzosenzinken. Eine Charakternase, wie man in der Familie sagen würde; in einer dieser Familien, in der man sich darauf geeinigt hat, eine gewisse Hässlichkeit umzudeuten, indem man sie zum Distinktionsmerkmal erklärt. Sie hängt in seinem Gesicht wie eine Sehenswürdigkeit, groß und eisern. Nicht unbedingt schön, nicht einmal besonders imposant; aber einfach da. Schweigend und stolz. Ich proste der Nase zu, sie bestellt auch ein Bier, ein belgisches, wir trinken schweigend. Die Nase wohnt im Gesicht eines älteren Mannes, einer dieser typischen Männer, die zu verrottet aussehen, um ein geregeltes Leben zu führen – wer tut das schon –, aber zu gepflegt, um in den Untergründen der Metro zu hausen; diese Männer tragen draußen Mantel und Fahne und in ihren Augen die Weisheit dieser Welt, meistens französische Literatur 16. und 17. Jahrhundert. Viele dieser Männer sind ehemalige Professoren. 

„Die Stadt erinnert sich nicht“, sagt die Nase plötzlich. Ich setze mein Bier ab. „Ich dachte mir nur“, er deutet auf mein Notizbuch, „du bist sicher einer dieser Menschen, der vor ein paar Jahren neu hierhergekommen ist; du hast diese Stadt an dich gerissen und zu deiner gemacht, und jetzt wandelst du auf dem Kopfsteinpflaster als wäre es Samt und trinkst Erinnerungen wie Frischgezapftes.“ Ich gucke etwas erschrocken, wohl auch wegen der unerwarteten Poetik dieses Schwalls, die Nase grinst: „Literaturprofessur, 1994. Doktorarbeit über Montaigne.“ Natürlich. „Ich kenne euch Leute. Ich habe euch unterrichtet. Scheiße noch eins, ich war selber mal einer von euch. Aber jetzt bin ich der, über den ihr sonntags beim Geldabheben stolpert, auf dem Weg zum Park. Ich bin der, der euch versucht, irgendetwas zu verkaufen, Zeitungen, Rosen, Taschentücher, während ihr in der Metro sitzt, euch am Hals rumleckt und den Mann mit den Zeitungen, mit den Rosen und den Taschentüchern später als Nebendarsteller in eure Geschichte schreibt. Ich war da, bei deinen großen Momenten in dieser Stadt: Du standest auf der Brücke, ich lag unter ihr. Du lagst im Park, ich stand vor dem Zaun. Du hast die Stadt gekerbt, mich hat sie wieder geglättet. Ich bin immer da: Aber man übersieht mich.“ Er hält kurz inne, vielleicht um nachzusehen, wie ich die Nachricht aufnehme: Mein Glas ist leer, der Blick glasig. Ich habe die ganze Zeit nichts gesagt, ich habe mich nicht verteidigt, wie auch, das Notizbuch ist unser Zeuge. Paris ist unser Zeuge. Die Nase hat mir (nicht) die Augen geöffnet: Dass man seiner eigenen Stadt egal ist, sieht man allein schon am Wetter. Dass Paris für mich das Epizentrum meiner Biographie ist und für andere nur eine Agglomeration mit unzureichendem Gesundheits- und Sozialversicherungssystem, war ebenfalls zu erwarten. Die Nase und ich wohnen im selben Gebiet; aber wir teilen nicht die gleiche Karte. 

Einen Menschen erkunden wie eine Karte, sein Leben durchkreuzen wie ein fremdes Land. Und immer das bleiben: ein Fremder. Einer, der besichtigt, ohne Teil davon zu werden; der Mauern berührt, ohne sie abzureißen und Türen immer zweimal öffnet. Einer, der am Ende immer geht. Zurückkehrt. Und der sich mehr an das fremde Gebiet erinnert als das Gebiet an ihn; das Gebiet hat kein Gedächtnis. 

Er saß am Küchentisch, wie immer, wenn ich heimkam. Ich schaute ihm einmal fest in die Augen, beinahe betäubt von der plötzlichen Gewissheit, oh du süßes Opium: „Du bist mein Paris“, sagte ich in sein Gesicht, dessen Gebiet ich niemals besetzen würde."



Friday, February 24, 2017

Der postmoderne Urschrei.

Manchmal würde man gerne schreien, den Mund aufreißen und schreien und schreien, schreien wie noch nie ein Mensch geschrien hat, hilflos und primitiv, irrsinnig; man will sich vokal häuten, sich die Existenz vom geschundenen Leib schreien, eine Art Urschrei, wüst und animalisch, sich die sauberen Fesseln vom Körper reißen, man will einfach nur mal richtig schreien, und dann reißt man den Mund auf und sagt „Danke, ich würde gerne mit Karte zahlen“.






Bild: privat (Urschrei in Schottland, November 2016)

Wednesday, January 11, 2017

Ein Mensch wie jeder andere.

 
"Herr P. war ein Mensch wie jeder andere: Er wurde geboren und dann wuchs er und verfaulte und irgendwann hielt er sich nur noch am Leben wie eine eigensinnige Maschine. Morgens und abends Tabletten in eine gähnende Mundhöhle, jede Existenz weniger eine bewusste Entscheidung als eine Art automatisierter Vorwärtswille.

„Bin gleich wieder da“, stand auf seinem Spiegel, der Strich vertrocknet (Perfect Slim Eyeliner von L’Oréal in Intense Black) und nur noch als schmieriger Film lesbar. Bin gleich wieder da. Das war jetzt dreizehn Jahre her. Ziemlich wahrscheinlich konnte man die Schrift auch gar nicht mehr lesen, vielleicht hatte die polnische Nachbarin das Glas längst gewischt, aber er wusste es, und das reichte. Mit zittrigen Fingern tastete er nach der Tablettenschachtel im Spiegelschränkchen, warf die Dose Rasierschaum um, blickte nach unten, auf seine Hände, würgte den alten Ekel vor seinen gelben Fingernägeln. Er war lange Raucher gewesen. Jetzt nicht mehr; jetzt trank er große Mengen Wasser und schied scheinbar noch größere Mengen wieder aus, was ihm beunruhigend schien, aber er traute sich nicht nachzufragen. Er ernährte sich von Kartoffeln, die sollten ihm Kraft geben, gute deutsche Kartoffeln, und püriertes Obst, das sollte die Verdauung unterstützen, und Tabletten; die sollten ihn überhaupt am Leben halten. Sagten die Schwestern. Und er dachte, das Einzige, was mich am Leben hält, ist diese beschissene Pumpe, die einfach nicht aufhört halbherzig zu arbeiten. Herr P. wäre schon längst fertig.

Er war ein Mensch wie jeder andere: Man wird geboren und dann wächst man und verfault und irgendwann wartet man nur noch auf das Ende. Zwölf verschiedene Tabletten musste Herr P. jeden Tag einnehmen, jeweils zwei kreisrunde und zwei längliche morgens, vier mittags und den Rest abends. Er ließ sich ein großes Glas mit Wasser volllaufen, entließ ein gutes Dutzend Tabletten aus ihrem benutzerfreundlich gestalteten Gefängnis und schluckte: Bin gleich wieder bei dir. Ob sie sich trafen? Zuerst kam der Husten. Dann die Schwestern."
 

 


Friday, October 21, 2016

Fall, der.

"Ich könnte jetzt erzählen, wie ich nach dem Fall so am Boden lag, die starren Augäpfel in einen sixtinischen Himmel gerichtet, während das Leben in tonlosen Filmschnitten an mir vorbeizog und Passanten schreiend um mich herumliefen, die Mutigen sich niederknieten und den Blutstrom aus meinem Hinterkopf mit ihrer Jeansjacke stoppten und die Feigen ein bisschen gafften in ihrer Hilflosigkeit, ich könnte also erzählen, wie ich da am Boden lag, auf dem Rücken und ein Bein ganz komisch abgewinkelt, weil sie das im Fernsehen so machen, und von oben auf mich selber herunterschaute. Ich könnte das jetzt erzählen, weil ich tot bin und euch erzählen kann, was ich will und weil ich genau weiß, dass ihr das hören wollt, wenn man das eben in jedem Film so zu sehen bekommt und verdammtnochmal, wenn man schon sterben soll, dann kann es ja ruhig auch ein bisschen dramatisch sein. Rückwärts hat man Narrenfreiheit - aber nachdem ich mein ganzes kurzes Leben lang gelogen habe, bis ich selber nicht mehr wusste, ob ich mir eigentlich über den Weg trauen kann, habe ich eines gewittrigen Mittwochs beschlossen, mich quer auf diesen Weg zu legen und von einem Siebentonner der Marke Magirus Deutz überfahren zu lassen.

Und deshalb verschone ich euch mit dieser Nicholas-Sparks-Scheiße und sage euch mal, wie das wirklich ist mit der Schwäche und dem Tod: Es ist nicht lustig. Und hat nichts, aber so wirklich gar nichts, Glanzvolles an sich. Am Ende reduziert sich alles auf die niedrigsten Körperfunktionen und selbst das wird in den Storys immer würdevoller dargestellt als es wirklich ist. Wenn man vom Auto angefahren wird, pinkelt man sich in die Hose und im schlimmsten Fall ist man schon wieder bei Bewusstsein, wenn der Notarzt kommt, und muss mit klebrigem Unterleib selber zum Seitenstreifen humpeln. Ihr wollt zu sehr das Drama, ihr verstörten Seelen.
Am Ende vergisst man das Fallen; das Aufschlagen bleibt für immer."






Bild: privat (Marrakesch, September 2016)
 

Monday, August 15, 2016

Jeremiah oder Auch ein Drogenabhängiger mag kein Heroin.

frei nach Albert Camus

"Eines Tages wachte Jeremiah mit Ruhepuls und gemäßigtem Blutdruck auf und wusste, er hatte ein Problem. Jeremiah war, das sollte man klarstellen, kein wehleidiger oder pathetischer Teenager, sondern ein gestandener Mann und hatte in seinem 2089 Tage kurzen Leben seinen gerechten Anteil an Kämpfen gekämpft. Er kannte Krankheiten und Abhängigkeit, er war geschieden und gebrochen, dreimal am Herz und einmal in der linken Kniescheibe - auf einer Reise in Kambodscha -, er wurde mehrmals operiert (an der Kniescheibe, für das Herz hatte man in der Klinik keine Geduld und wenig kardiale Kapazitäten) und einmal inhaftiert. Er hatte sich hoch und tief verschuldet und Gerichtsprozesse verloren. Er war im Laufe seines kläglichen Daseins durch nicht weniger als vier existentialistische Phasen gegangen und hatte in jeder einen Teil von sich gelassen. Er war immer bereit gewesen, sich den Absurditäten des Lebens zu stellen. Aber jetzt, als er in seinem sauberen Bett lag und friedlich vor sich hin atmete, wusste er, er war definitiv am Arsch: Er war glücklich.

Nun ist das für die meisten Leute kein Grund zur Beunruhigung, das hohle Gefühl ständiger Zufriedenheit anfangs höchstens ein bisschen befremdlich, aber der Mensch gewöhnt sich ja an alles. Doch für Jeremiah kam diese Leichtigkeit einem endgültigen Todesurteil gleich: Er hatte in seinem ganzen Leben alles von Wert aus Schmerz gezogen. Er brauchte den Schmerz, um gegen ihn anzukämpfen, er brauchte das Gefühl, ganz alleine zu sein mit ihm und das Gefühl, es nie mehr sein zu wollen. Schmerz hat immer das erste Sagen, dann kann man sich an ihm abarbeiten; mit dem Schmerz fängt alles an. Und solange er durch seine Adern rollte, gehörte der Schmerz ganz ihm. Er hatte sie immer gehasst, aber er konsumierte seine Qualen wie ein Junkie den Schuss. Auch ein Drogenabhängiger mag kein Heroin. Aber unglücklich sein, Apathie bis zum Absinth, Verzweiflung und Wut, das war seine Sache, das konnte er gut. Wir dürfen uns Jeremiah nicht als einen unglücklichen Menschen vorstellen.

Und da lag er jetzt auf der sauberen Bettwäsche wie in einem zerschossenen Kriegsgebiet und fragte sich, wie um aller Welt er hierhin gekommen war. Er hatte hier immer hingewollt, klar, es war sein Ziel gewesen – aber er hatte sich verdammt Mühe gegeben, es nie zu erreichen. Er stand auf, selbst das ging ohne Schmerzen. Prüfend klopfte er auf sein linkes Knie, das kaputte; es hielt stand. Jeremiah blickte auf seine Hände, die ruhig an seinen Armen herunterhingen wie Blätter von knochigen Ästen, kurz bevor der Sturm kommt: kraftlos, aber gefasst. Dann nahm er seine Fingerknöchel, steckte sie sich in den Mund und biss einmal kräftig zu, als würde er in einen sauren Apfel beißen. Es zwickte und fing leicht an zu bluten, aber Jeremiah war nicht zufrieden. Das würde ihm nicht den Arsch retten, sich jeden Morgen in die eigene Hand zu beißen wie ein Verrückter; er wollte ja nur seine Qualen zurück, nicht die alte Peinlichkeit. Beinahe leichtfüßig schleppte er sich ins Bad. Er betrachtete die weißen Porzellanschüsseln, die Armaturen aus Stahl, die passenden Handtücher, alles gemeinsam gekauft wie ein statistisches Ehepaar, und wich dem Blick der Kloschüssel aus, die ihn jeden Morgen anblickte wie kalkgewordener Verrat - man hatte ihm den Fels genommen und an seinen Platz ein spülrandloses Becken aus Keramik gestellt. Jeremiah öffnete das Badschränkchen, wich auch dem Blick im Spiegel aus, und klappte sein Gesicht so schnell wie möglich auseinander. Hinten rechts in der Ecke fand er eine neue Packung Rasierklingen, steril durfte er schon sein, der Schmerz, nahm eine aus dem Plastik und zog sich damit einmal über den Unterarm.

Es gibt ja diesen Test: Man zwingt Menschen auf einen Stuhl und lässt sie eine Viertelstunde in der Wüste ihrer Gedanken allein. Viele finden es unerträglich; man gibt ihnen die Möglichkeit, die Langeweile zu unterbrechen – mit einem Stromschlag. Die Ergebnisse sind schockierend. Und nichts anderes ist das Leben: ein leeres Zimmer mit einem Stuhl in der Mitte. Jeremiah wählte den Strom."


Bild: Elijjah Hail unter cc0 1.0