Saturday, May 06, 2017

Bitte München, werde endlich mal richtig krank.

Wenn ich an München denke, kriege ich das Gefühl, jemand schnürt mir die Luft ab; legt mir die Hand auf die Kehle und drückt zu. Aber genau so, dass immer noch ein kleiner Stoß Sauerstoff seinen Weg in die Lunge findet – gerade so, dass es zum Leben reicht. 

München hat die besten Ärzte, ist aber klinisch tot. Wird beatmet von Lifestyleblogs und Pop-Up Stores, die nicht wissen, dass sie alles nur noch schlimmer machen und zwangsernährt von Wirtshäusern und Bierhöllen, weil das eben schon immer so war. Tradition ist nicht immer Tugend, sondern manchmal einfach Einfallslosigkeit. Neulich war ein Freund aus dem Québec zu Besuch in München, wir hatten Glück mit dem Wetter, ich kaufte ihm Pommes von der Gute Nacht Wurst (Bergwolf hatte zu) und Augustiner vom Reichenbachkiosk, wir setzten uns an die von Ausschwärmern vollgespülte Isar und hielten Bier und Füße ins klare Wasser. Er war begeistert, ich dann auch; München hat seine Momente. Aber dazwischen ist das Leben dort ein einziges Wachkoma, eine Stadt wie ein Sedativum. 

Man kann sich nicht einmal gepflegt darüber aufregen, leidenschaftliche Hasspamphlete schreiben wie über die schlachtschiffgraue Hässlichkeit Berlins oder die Menschen in Paris; gegen München zu hetzen ist meistens genauso frustrierend wie die Stadt selbst, die glattgeschleckten Wände der Residenz bieten kaum Angriffsfläche. Wehren sich mit penibler Sauberkeit gegen jegliche Art von fundierter Kritik – München tut dir ja nix. Es ist fleckenlos, wohlhabend und sicher; es hat genau so viel Kulturangebot, um nicht als brach zu gelten, und alle paar Monate macht eine neue Gin Bar auf, weil es unter Lehramtsstudenten jetzt sehr hip ist, auf viel zu kleinen Holzstühlen Dinge zu degustieren, von denen sie nicht betrunken werden. Es ist schwer, gegen diese abartige Vorbildlichkeit anzuschreiben, Max Scharnigg hat es trotzdem geschafft, aber die meiste Zeit trägt München Gore-Tex. Das hilft gegen Regen und Alpenfön, und ist so praktisch wie unschön. Aber Hauptsache nicht krank werden.

Und vielleicht ist das das Problem: München ist nicht krank. Dabei bräuchte es genau das. Muss ja kein Krebs sein, aber zumindest mal eine richtige Erkältung; auf jeden Fall irgendwas mit Fieber. Denn eine Stadt lebt wie eine Existenz davon, dass Dinge passieren, Beulen aufbrechen, Nähte platzen und Wunden zuwachsen. Von Brüchen und Narben. Von Exaltation und Verfall. Aber in München, wo Ekstase in die SAUNA passt, wo Rebellion beim Ordnungsamt angemeldet wird und das Leben wie ein renaturierter Fluss ohne Strom vor sich hin mäandert, ist alles nur noch von Markt und Maschinen beatmeter Stillstand. 

Ist das alles jetzt sehr subjektiv, befeuert von einem individuellen Stadtkomplex und der Tatsache, dass ich in wenigen Wochen mit dem größten Widerwillen aus Paris ziehe? Bestimmt. Ist das alles übertrieben, aufgepeitscht, an den Ecken geschärft, um erstens als definierter Text zu stehen und zweitens kantenlos Teil einer Polemik zu werden? Sicher. Aber dann denke ich wieder an München und fühle die Wände näher auf mich zukommen. 

München ist eine Kreuzung aus Pleasantville und Schöner Neuer Welt: Es passiert nichts wirklich Schlimmes, und nichts wirklich Gutes; aber das ist nicht die Definition einer Stadt mit Puls. Städte müssen dich kaputtmachen, zu Boden zwingen und dann wieder in den Himmel werfen, sie müssen dich anzünden und manchmal verbrennen; München liegt seit Jahren in seiner eigenen Asche und raucht im Biergarten vor sich hin, eine Stadt in dörflicher Benommenheit. Nicht wirklich gesund, aber auch nicht wirklich krank: chloroformiert, anästhesiert, ruhiggestellt. Örtlich betäubt. Was wir haben, ist ein Koma; was es braucht, ist eine Krise. 

Bitte München, werde endlich mal richtig krank. Dann komm ich dich auch besuchen. 




Bild: privat (seltenes Münchner Kammerflimmern, Mai 2016)

Thursday, March 30, 2017

Das Gebiet hat kein Gedächtnis.

erschienen im Sammelband der Shortlist für den Schreibwettbewerb "Text and the City" (astikos Verlag)

"Egal, wo ich bin, ich muss nur die Augen schließen und schon sehe ich alles vor mir, wie das Relief auf einer Karte: Ich sehe eine schattige Straße, schwer von Häusern, und einen Kartenladen am Ende, dort, wo die Straße auf die nächste trifft und hell wird und laut. Der Boden riecht warm vom Abfall, vermischt sich mit dem Fischgeruch vom Markt ein paar Meter weiter, und ich halte die Luft an. Ich sehe einen kleinen Park, ein größeres Viereck mehr, mit Bäumen und Bänken im Schatten. Männer, die Boule spielen und junge Väter, die ihre Kinder in die Luft werfen, gut aussehende Väter, Tauben. Spieler, Flaneure, Irrende, Durchgänger. Ich sehe den Geldautomaten, der leicht knistert, wenn er die warmen Scheine ausspeit, und daneben eine obdachlose Frau, nicht älter als Dreißig. Sie hat ein Kind im Arm und immer sind sie in ein Dutzend Lagen gehüllt, auch wenn es sehr heiß ist und ich auf dem Weg in den Park. Als ob sie sich vor etwas schützen wollen. Oder kein Ärgernis erregen wollen bei den schicken Bürgern; jeder, der hier nicht am Boden liegt, ist Bourgeoisie. Leute, die mit nackten Beinen über andere steigen und sich an ihrem Sonntag gestört fühlen, wenn ihnen ein Bettler beim Geldabheben zuguckt. Ich sehe Taubendreck auf dem Boden, von Schuhen zerkratzt, und das kleine Kino an der Ecke, in dem sie Filme aus den Dreißigern zeigen. Ich sehe eine leere Küche, einen verlassenen Schreibtisch, eine einsame Matratze. Ich sehe Paris. 

Es steht immer noch der gleiche fette Mann hinter der Bar, kaum gealtert. Er zapft mir ein Bier, nimmt meine Kreditkarte, ich setze mich ans Fenster, das von einem schweren Vorhang geknebelt wird. „Kann ich mich setzen?“, fragt eine Stimme neben mir, und noch bevor ich denken kann, sowas passiert doch nur in Filmen oder Texten, die plötzliche Erscheinung eines prophetischen Charakters als handlungstreibendes und augenöffnendes Moment, ich habe es selbst schon genau zu diesem Zweck benutzt, bevor ich das also denken kann, habe ich schon mit meinem großen Zeh den Barhocker neben mir ein wenig zur Seite gerückt. Ich stoße halblaut etwas Zustimmendes hervor, nehme einen tiefen Schluck von meinem Bier und erlaube mir erst dann einen ausgiebigen Blick auf die Person neben mir: Schneeweiße Haare, erstaunlicherweise frei von diesem öligen Gelbstich, wie ihn Säufer und alte Leute sonst meist dulden, Adern, die sich wie Schlangen um schmale Handgelenke winden und eine große, etwas zu weit nach links gerutschte Nase: Ein klassischer Franzosenzinken. Eine Charakternase, wie man in der Familie sagen würde; in einer dieser Familien, in der man sich darauf geeinigt hat, eine gewisse Hässlichkeit umzudeuten, indem man sie zum Distinktionsmerkmal erklärt. Sie hängt in seinem Gesicht wie eine Sehenswürdigkeit, groß und eisern. Nicht unbedingt schön, nicht einmal besonders imposant; aber einfach da. Schweigend und stolz. Ich proste der Nase zu, sie bestellt auch ein Bier, ein belgisches, wir trinken schweigend. Die Nase wohnt im Gesicht eines älteren Mannes, einer dieser typischen Männer, die zu verrottet aussehen, um ein geregeltes Leben zu führen – wer tut das schon –, aber zu gepflegt, um in den Untergründen der Metro zu hausen; diese Männer tragen draußen Mantel und Fahne und in ihren Augen die Weisheit dieser Welt, meistens französische Literatur 16. und 17. Jahrhundert. Viele dieser Männer sind ehemalige Professoren. 

„Die Stadt erinnert sich nicht“, sagt die Nase plötzlich. Ich setze mein Bier ab. „Ich dachte mir nur“, er deutet auf mein Notizbuch, „du bist sicher einer dieser Menschen, der vor ein paar Jahren neu hierhergekommen ist; du hast diese Stadt an dich gerissen und zu deiner gemacht, und jetzt wandelst du auf dem Kopfsteinpflaster als wäre es Samt und trinkst Erinnerungen wie Frischgezapftes.“ Ich gucke etwas erschrocken, wohl auch wegen der unerwarteten Poetik dieses Schwalls, die Nase grinst: „Literaturprofessur, 1994. Doktorarbeit über Montaigne.“ Natürlich. „Ich kenne euch Leute. Ich habe euch unterrichtet. Scheiße noch eins, ich war selber mal einer von euch. Aber jetzt bin ich der, über den ihr sonntags beim Geldabheben stolpert, auf dem Weg zum Park. Ich bin der, der euch versucht, irgendetwas zu verkaufen, Zeitungen, Rosen, Taschentücher, während ihr in der Metro sitzt, euch am Hals rumleckt und den Mann mit den Zeitungen, mit den Rosen und den Taschentüchern später als Nebendarsteller in eure Geschichte schreibt. Ich war da, bei deinen großen Momenten in dieser Stadt: Du standest auf der Brücke, ich lag unter ihr. Du lagst im Park, ich stand vor dem Zaun. Du hast die Stadt gekerbt, mich hat sie wieder geglättet. Ich bin immer da: Aber man übersieht mich.“ Er hält kurz inne, vielleicht um nachzusehen, wie ich die Nachricht aufnehme: Mein Glas ist leer, der Blick glasig. Ich habe die ganze Zeit nichts gesagt, ich habe mich nicht verteidigt, wie auch, das Notizbuch ist unser Zeuge. Paris ist unser Zeuge. Die Nase hat mir (nicht) die Augen geöffnet: Dass man seiner eigenen Stadt egal ist, sieht man allein schon am Wetter. Dass Paris für mich das Epizentrum meiner Biographie ist und für andere nur eine Agglomeration mit unzureichendem Gesundheits- und Sozialversicherungssystem, war ebenfalls zu erwarten. Die Nase und ich wohnen im selben Gebiet; aber wir teilen nicht die gleiche Karte. 

Einen Menschen erkunden wie eine Karte, sein Leben durchkreuzen wie ein fremdes Land. Und immer das bleiben: ein Fremder. Einer, der besichtigt, ohne Teil davon zu werden; der Mauern berührt, ohne sie abzureißen und Türen immer zweimal öffnet. Einer, der am Ende immer geht. Zurückkehrt. Und der sich mehr an das fremde Gebiet erinnert als das Gebiet an ihn; das Gebiet hat kein Gedächtnis. 

Er saß am Küchentisch, wie immer, wenn ich heimkam. Ich schaute ihm einmal fest in die Augen, beinahe betäubt von der plötzlichen Gewissheit, oh du süßes Opium: „Du bist mein Paris“, sagte ich in sein Gesicht, dessen Gebiet ich niemals besetzen würde."



Friday, February 24, 2017

Der postmoderne Urschrei.

Manchmal würde man gerne schreien, den Mund aufreißen und schreien und schreien, schreien wie noch nie ein Mensch geschrien hat, hilflos und primitiv, irrsinnig; man will sich vokal häuten, sich die Existenz vom geschundenen Leib schreien, eine Art Urschrei, wüst und animalisch, sich die sauberen Fesseln vom Körper reißen, man will einfach nur mal richtig schreien, und dann reißt man den Mund auf und sagt „Danke, ich würde gerne mit Karte zahlen“.






Bild: privat (Urschrei in Schottland, November 2016)

Wednesday, January 11, 2017

Ein Mensch wie jeder andere.

 
"Herr P. war ein Mensch wie jeder andere: Er wurde geboren und dann wuchs er und verfaulte und irgendwann hielt er sich nur noch am Leben wie eine eigensinnige Maschine. Morgens und abends Tabletten in eine gähnende Mundhöhle, jede Existenz weniger eine bewusste Entscheidung als eine Art automatisierter Vorwärtswille.

„Bin gleich wieder da“, stand auf seinem Spiegel, der Strich vertrocknet (Perfect Slim Eyeliner von L’Oréal in Intense Black) und nur noch als schmieriger Film lesbar. Bin gleich wieder da. Das war jetzt dreizehn Jahre her. Ziemlich wahrscheinlich konnte man die Schrift auch gar nicht mehr lesen, vielleicht hatte die polnische Nachbarin das Glas längst gewischt, aber er wusste es, und das reichte. Mit zittrigen Fingern tastete er nach der Tablettenschachtel im Spiegelschränkchen, warf die Dose Rasierschaum um, blickte nach unten, auf seine Hände, würgte den alten Ekel vor seinen gelben Fingernägeln. Er war lange Raucher gewesen. Jetzt nicht mehr; jetzt trank er große Mengen Wasser und schied scheinbar noch größere Mengen wieder aus, was ihm beunruhigend schien, aber er traute sich nicht nachzufragen. Er ernährte sich von Kartoffeln, die sollten ihm Kraft geben, gute deutsche Kartoffeln, und püriertes Obst, das sollte die Verdauung unterstützen, und Tabletten; die sollten ihn überhaupt am Leben halten. Sagten die Schwestern. Und er dachte, das Einzige, was mich am Leben hält, ist diese beschissene Pumpe, die einfach nicht aufhört halbherzig zu arbeiten. Herr P. wäre schon längst fertig.

Er war ein Mensch wie jeder andere: Man wird geboren und dann wächst man und verfault und irgendwann wartet man nur noch auf das Ende. Zwölf verschiedene Tabletten musste Herr P. jeden Tag einnehmen, jeweils zwei kreisrunde und zwei längliche morgens, vier mittags und den Rest abends. Er ließ sich ein großes Glas mit Wasser volllaufen, entließ ein gutes Dutzend Tabletten aus ihrem benutzerfreundlich gestalteten Gefängnis und schluckte: Bin gleich wieder bei dir. Ob sie sich trafen? Zuerst kam der Husten. Dann die Schwestern."
 

 


Friday, October 21, 2016

Fall, der.

"Ich könnte jetzt erzählen, wie ich nach dem Fall so am Boden lag, die starren Augäpfel in einen sixtinischen Himmel gerichtet, während das Leben in tonlosen Filmschnitten an mir vorbeizog und Passanten schreiend um mich herumliefen, die Mutigen sich niederknieten und den Blutstrom aus meinem Hinterkopf mit ihrer Jeansjacke stoppten und die Feigen ein bisschen gafften in ihrer Hilflosigkeit, ich könnte also erzählen, wie ich da am Boden lag, auf dem Rücken und ein Bein ganz komisch abgewinkelt, weil sie das im Fernsehen so machen, und von oben auf mich selber herunterschaute. Ich könnte das jetzt erzählen, weil ich tot bin und euch erzählen kann, was ich will und weil ich genau weiß, dass ihr das hören wollt, wenn man das eben in jedem Film so zu sehen bekommt und verdammtnochmal, wenn man schon sterben soll, dann kann es ja ruhig auch ein bisschen dramatisch sein. Rückwärts hat man Narrenfreiheit - aber nachdem ich mein ganzes kurzes Leben lang gelogen habe, bis ich selber nicht mehr wusste, ob ich mir eigentlich über den Weg trauen kann, habe ich eines gewittrigen Mittwochs beschlossen, mich quer auf diesen Weg zu legen und von einem Siebentonner der Marke Magirus Deutz überfahren zu lassen.

Und deshalb verschone ich euch mit dieser Nicholas-Sparks-Scheiße und sage euch mal, wie das wirklich ist mit der Schwäche und dem Tod: Es ist nicht lustig. Und hat nichts, aber so wirklich gar nichts, Glanzvolles an sich. Am Ende reduziert sich alles auf die niedrigsten Körperfunktionen und selbst das wird in den Storys immer würdevoller dargestellt als es wirklich ist. Wenn man vom Auto angefahren wird, pinkelt man sich in die Hose und im schlimmsten Fall ist man schon wieder bei Bewusstsein, wenn der Notarzt kommt, und muss mit klebrigem Unterleib selber zum Seitenstreifen humpeln. Ihr wollt zu sehr das Drama, ihr verstörten Seelen.
Am Ende vergisst man das Fallen; das Aufschlagen bleibt für immer."






Bild: privat (Marrakesch, September 2016)
 

Monday, August 15, 2016

Jeremiah oder Auch ein Drogenabhängiger mag kein Heroin.

erschienen in der 17. Ausgabe von Das Prinzip der sparsamsten Erklärung

frei nach Albert Camus

"Eines Tages wachte Jeremiah mit Ruhepuls und gemäßigtem Blutdruck auf und wusste, er hatte ein Problem. Jeremiah war, das sollte man klarstellen, kein wehleidiger oder pathetischer Teenager, sondern ein gestandener Mann und hatte in seinem 21089 Tage kurzen Leben seinen gerechten Anteil an Kämpfen gekämpft. Er kannte Krankheiten und Abhängigkeit, er war geschieden und gebrochen, dreimal am Herz und einmal in der linken Kniescheibe - auf einer Reise in Kambodscha -, er wurde mehrmals operiert (an der Kniescheibe, für das Herz hatte man in der Klinik keine Geduld und wenig kardiale Kapazitäten) und einmal inhaftiert. Er hatte sich hoch und tief verschuldet und Gerichtsprozesse verloren. Er war im Laufe seines kläglichen Daseins durch nicht weniger als vier existentialistische Phasen gegangen und hatte in jeder einen Teil von sich gelassen. Er war immer bereit gewesen, sich den Absurditäten des Lebens zu stellen. Aber jetzt, als er in seinem sauberen Bett lag und friedlich vor sich hin atmete, wusste er, er war definitiv am Arsch: Er war glücklich.

Nun ist das für die meisten Leute kein Grund zur Beunruhigung, das hohle Gefühl ständiger Zufriedenheit anfangs höchstens ein bisschen befremdlich, aber der Mensch gewöhnt sich ja an alles. Doch für Jeremiah kam diese Leichtigkeit einem endgültigen Todesurteil gleich: Er hatte in seinem ganzen Leben alles von Wert aus Schmerz gezogen. Er brauchte den Schmerz, um gegen ihn anzukämpfen, er brauchte das Gefühl, ganz alleine zu sein mit ihm und das Gefühl, es nie mehr sein zu wollen. Schmerz hat immer das erste Sagen, dann kann man sich an ihm abarbeiten; mit dem Schmerz fängt alles an. Und solange er durch seine Adern rollte, gehörte der Schmerz ganz ihm. Er hatte sie immer gehasst, aber er konsumierte seine Qualen wie ein Junkie den Schuss. Auch ein Drogenabhängiger mag kein Heroin. Aber unglücklich sein, Apathie bis zum Absinth, Verzweiflung und Wut, das war seine Sache, das konnte er gut. Wir dürfen uns Jeremiah nicht als einen unglücklichen Menschen vorstellen.

Und da lag er jetzt auf der sauberen Bettwäsche wie in einem zerschossenen Kriegsgebiet und fragte sich, wie um aller Welt er hierhin gekommen war. Er hatte hier immer hingewollt, klar, es war sein Ziel gewesen – aber er hatte sich verdammt Mühe gegeben, es nie zu erreichen. Er stand auf, selbst das ging ohne Schmerzen. Prüfend klopfte er auf sein linkes Knie, das kaputte; es hielt stand. Jeremiah blickte auf seine Hände, die ruhig an seinen Armen herunterhingen wie Blätter von knochigen Ästen, kurz bevor der Sturm kommt: kraftlos, aber gefasst. Dann nahm er seine Fingerknöchel, steckte sie sich in den Mund und biss einmal kräftig zu, als würde er in einen sauren Apfel beißen. Es zwickte und fing leicht an zu bluten, aber Jeremiah war nicht zufrieden. Das würde ihm nicht den Arsch retten, sich jeden Morgen in die eigene Hand zu beißen wie ein Verrückter; er wollte ja nur seine Qualen zurück, nicht die alte Peinlichkeit. Beinahe leichtfüßig schleppte er sich ins Bad. Er betrachtete die weißen Porzellanschüsseln, die Armaturen aus Stahl, die passenden Handtücher, alles gemeinsam gekauft wie ein statistisches Ehepaar, und wich dem Blick der Kloschüssel aus, die ihn jeden Morgen anblickte wie kalkgewordener Verrat - man hatte ihm den Fels genommen und an seinen Platz ein spülrandloses Becken aus Keramik gestellt. Jeremiah öffnete das Badschränkchen, wich auch dem Blick im Spiegel aus, und klappte sein Gesicht so schnell wie möglich auseinander. Hinten rechts in der Ecke fand er eine neue Packung Rasierklingen, steril durfte er schon sein, der Schmerz, nahm eine aus dem Plastik und zog sich damit einmal über den Unterarm.

Es gibt ja diesen Test: Man zwingt Menschen auf einen Stuhl und lässt sie eine Viertelstunde in der Wüste ihrer Gedanken allein. Viele finden es unerträglich; man gibt ihnen die Möglichkeit, die Langeweile zu unterbrechen – mit einem Stromschlag. Die Ergebnisse sind schockierend. Und nichts anderes ist das Leben: ein leeres Zimmer mit einem Stuhl in der Mitte. Jeremiah wählte den Strom."


Bild: Elijjah Hail unter cc0 1.0 

Wednesday, June 15, 2016

Anders war ein Adjektiv.

Seit Beginn der linguistischen Zeitgeschichte waren alle Wörter eigentlich immer ganz zufrieden gewesen mit dem, was sie waren. Natürlich hatte jeder mal einen schlechten Tag und klar wäre gut manchmal gerne besser gewesen, aber dann sah gut sich Dokus im Kabelfernsehen an und als ihm dann bewusst wurde, dass Krieg und Hunger jawohl noch viel schlimmer dran waren, überhaupt die meisten Substantive, da war es dann doch ganz zufrieden. Nur ein Adjektiv fühlte sich ständig ausgestoßen; und nicht mal ausgestoßen wollte mit ihm reden, es hielt sich für etwas Besseres, klarer formuliert. Es war ein kleines Scheißleben: anders zu sein.




Bild: Toffee Maky (flickr.com) unter cc by-sa 2.0

Wednesday, April 27, 2016

Hunger.

zuerst erschienen im Mucbook-Magazin No 5 (Oktober 2015)

„Ich laufe durch einen Wald der Apathie, unter mir knacken die Äste mit müden Knöcheln. Von meiner Faust tropft eine wächserne Flüssigkeit und mein Magen knurrt wie der Bär, den ich damit manche Abende vergeblich jage. Statt Bäumen flirren hier Strichcodes unter hellwarmen Halogenstreifen, langsam taste ich mich vorwärts, einen dunklen Abgrund im Leib, die Lichtung ist das Kühlregal. Jeder Tag ein taumelnder Tanz durch das Alphabet der Selbstbespiegelungen – von Akzeptanz bis Zerrissenheit und wieder zurück und dazwischen liegt oft nur ein Bissen hektisch produzierten Billigfleischs, Hähnchenschenkel, 400 Gramm für 2,99€, heute im Angebot (!).
 
Manche Leute sind nie satt. Ich kann nach einem Abend unter Freunden mit der U-Bahn nach Hause fahren, den sauren Schweiß der anderen einatmen, aber versuchen es nicht zu tun; ich kann also durch einen kleinen Schlitz im Mund Luft holen und von innen dabei zusehen, wie ich zwischen den speckigen, kotzbraunen Ledersitzen der vollen U6 zusammensacke und schrumpfe, vielleicht noch kurz zucke - ich bin eine Schnecke, die über Salz geht. Ich kann täglich tausendundeinen Gedanken jonglieren, gut, manchmal fällt mir auch einer runter, so wie jetzt, aber wenn ich den Mund aufmache, kommt nur warme Luft raus und ein Schinkenbrot wieder rein. Ich will so viel sagen und bleibe doch stumm. Mit diesem hohlen Schmerz unter der Bauchdecke, der danach schreit, den Kopf in den Nacken zu legen und das Leben auszutrinken wie einen Shot Vodka.
 
Mein Leben ist wie das Fragment einer großen Geschichte, ich schreibe hundert Anfänge und einige Enden, aber nie den Mittelteil. Obwohl ich das weiche Mittelstück einer Brezn am liebsten mag, aber darum geht es hier nicht. Oder gerade doch? Manchmal kreist mein kopfsteingepflasterter Tagesablauf nur darum, was ich am Abend kochen soll. Ich denke darüber nach, während ich mir von einem Bildschirm die Augen tränig kratzen lasse, ich denke darüber nach, wenn ich Straßen und Plätze ablaufe und vor allem denke ich darüber nach, wenn ich meinen Löffel in Tiramisu tauche und das Kaffeepulver vor meiner Nase aufstäubt wie eine schwarze Lawine. Manchmal nehme ich den Ausdruck „hungrig sein auf das Leben“ ein bisschen zu wörtlich, ich hatte einmal diesen Albtraum, aufzuwachen und festzustellen, meine Wohnung ist nicht mehr da - weil ich sie aufgegessen habe. Ich habe einen Tisch in meinem Apartment, aber sitze nie daran. Die Tischdecke habe ich neu gekauft, sie riecht nach Fabrik und Plastik, und Fertiggerichte aus der Mikrowelle schmecken auch so, deshalb esse ich immer vor dem Fernseher und schaue die Gabel nie an. Großstadttristesse ist ein alter Hut und trotzdem tragen ihn so viele.“ 



Bild: Daniel Parks (flickr.com) unter cc by-nc 2.0

Sunday, April 03, 2016

Mama Palästina.

Al-Walaja, März 2016.

Wie soll man eine Geschichte erzählen, die ohne Worte auskommt?

Als wir den Berg hinaufkriechen, nach Har Gilo und weiter ins Dorf hinein, erst mit einem freundlichen Ranger aus der Gegend, der uns über die Grenze rettete, und dann in einem Taxi mit zwei Arabern im Turban und einer leise vor sich hin stöhnenden Muslima neben mir auf dem Rücksitz, nachdem uns die Polizei aus ihrem Autofenster heraus fotografiert hat, um sicherzugehen, dass das weiße Mädchen mit den blonden Haaren wirklich freiwillig nach Al-Walaja fährt, erzählt man uns später; als wir uns also die Berge Palästinas hochwinden und ich einfach nur noch ankommen will, habe ich noch meine Sprache. Ich verliere sie erst im Laufe des frühen Abends, als das Arabisch um mich herum zunimmt und alles verschlingt, was irgendwie vertraut klingt, und nach dem Abendessen aus viel Reis und gerösteten Mandeln und glänzendem, dunkel gewürztem Hühnchen, während ich allmählich mit dem grauen Plastiktisch in der Mitte des Wohnzimmers verschmelze und mir langsam immer weniger aus dem Mund fällt, als schöben sich die Wörter mit dem fettigen Essen zusammen in meinen Gaumen zurück, bin ich dann verstummt. Bin erst noch ein Kind, das selber nickt und irgendwann ein Möbelstück, das nur noch verrückt wird; im Passiv. Ob ich mitkommen will, die Cousine von der Arbeit in Bethlehem abholen, fragen sie mich, Nein danke, sage ich. Ich brauche nicht mehr viele Worte dafür, vielleicht schüttele ich auch einfach nur noch den Kopf.

Und dann sitze ich mit der Tante vor dem kleinen Heizkörper auf dem Teppichboden im Wohnzimmer, wir halten uns die Hände vor die glühenden Stäbe und dann fangen wir einfach an zu reden. Sie Arabisch und ich absurderweise Englisch, als ob sie das besser verstünde. Sie macht mir Minztee, eine Art Übersprungshandlung, wie später jedes Mal, wenn wir uns was sagen und nicht verstehen; dann brüht sie einfach Wasser auf, weil, wenn sie eines verstanden hat, dann dass ich verdammt gern Minztee trinke. Sie liest mir aus dem Koran vor und ich meine, dass sie versucht hat, mir in zehn Minuten den Islam zu erklären und irgendwann fängt sie an zu beten und singt mir laut ins Gesicht. Es ist etwas befremdlich, die Worte Allahu akbar, die ich nur aus Terrormeldungen und Attentatberichten kenne, von Fratzen, die mein geliebtes Paris und die ganze westliche Lust in die Luft sprengen wollen, so rausgerissen und lose zu hören, aus dem freundlichen Lachen einer Frau, die mir Tee macht wie eine Mutter. Aber ich schlucke alles; versuche mal, was wir alle viel zu selten machen: Worte aufzunehmen statt sie einfach nur auszukotzen. Dann deute ich auf das Buch, das ich für die Reise mitgebracht habe, von einem israelischen Autor, und sie betrachtet staunend die Buchstaben, und ich muss lachen, dass sie denkt, es wäre Englisch, bis mir auffällt, dass auch ich Persisch nicht von Arabisch unterscheiden könnte. Manchmal verstummt Sprache; hat nichts mehr zu sagen. Und so nähern wir uns an wie Kinder. Wir werfen uns irgendwelche Fetzen zu, lose Sätze, abgerissene Wörter, manchmal heben wir die Hände und schlagen sie dann über dem Kopf zusammen und lachen, wenn wir gleichzeitig einsehen, dass wir keine Ahnung haben, wovon der andere spricht.
 
Als die anderen wiederkommen, sind wir die besten Freunde.



Bild: privat (Bethlehem, März 2016)
 

Tuesday, February 02, 2016

Für den Rest ihres Lebens.

"Es fing damit an, dass sie beim Pinkeln plötzlich ein Geräusch hörte. Vielleicht nur ein organischer Defekt, ein undichter Abzug. Sie zog ab.

Am nächsten Tag wurde sie von einer Menschenmasse in die nächste geworfen, dann lief sie mit einem Freund nach Hause; er war ihr ungewöhnlich nahe, als sie durch die tiefen Straßen pflügten, sie aßen zusammen und fielen verschlungen ins Bett. Es fühlte sich gut an, nicht alleine zu sein, und sie wunderte sich nicht, einen zweiten Tenor beim Zähneputzen zu hören. Sie wunderte sich auch nicht, als sich das Spiel am darauffolgenden Tag und so den Rest der Woche wiederholte, und stellte keine Fragen, nicht an sich und nicht an die Welt und auch nicht an die Badezimmerfliesen; das Geräusch war wieder da. Sie gewöhnte sich an die subtil vulkanische Wärme seines Atems und den doppelten Herzschlag, mal Dur, mal Moll und immer im Kanon. Sie sah ihn ja nicht immer, in der Arbeit redete sie viel mit den Kollegen und manchmal fuhren sie zusammen mit ihrer Mutter heim, die im Nachbarort wohnte und sich Arzttermine in die Stadt legte, wenn die Langeweile und ein tiefes Stechen, das von einer alten Verletzung am Ischiasnerv rührte, wieder den Rücken hochzog. Erst als ihr nach zwei Wochen und erst erstauntem und dann hektischem Nachrechnen auffiel, dass sie seit diesen zwei und einer weiteren Woche nicht mehr alleine gewesen war, bekam sie Panik.

Das bildest du dir ein, sagte sie sich, das ist purer Zufall. So ist das, wenn man einen neuen Menschen in sein Leben lässt und sozial nicht völlig erkaltet ist, sei doch froh, dass du nicht Frau Berger vom dritten Stock bist – wenn die stirbt, merkt man es erst, wenn’s riecht.

Der nächste Tag war ein Mittwoch und als sie in ihrem Büro saß, umringt von Chefs und Kollegen, Leute über ihr, Leute unter ihr, nichts als Leute zwischen ihr und überall um sie herum, da beschloss sie, etwas auszuprobieren. „Ich gehe kurz in die Teeküche, mag jemand was?“, rief sie halblaut in die Runde. „Ach, ich hab den ganzen Tag schon so Bauchschmerzen, ich hab heute Nacht meine Tage bekommen, der erste Tag ist immer der schlimmste, ich bin so aufgebläht, das glaubst du gar nicht..“, setzte ihre Kollegin an, die nie zu wenig sagte und immer das Uninteressante, „ich komm mit“. Gut, Bianca ist ein Härtefall, das war klar. Kein Grund zur Aufregung. Sie teilten sich eine Portion im Wasserkocher, einmal Früchtetee und einmal Mach-dir-keine-Sorgen-es-wird-alles-wieder-gut-Lindenblüten-Kamille. Doch dann häuften sich die Niederlagen: die Heimfahrt teilte ihre Mutter, das Gesäß schmerzte wieder, dann lief sie mit ihm durch einen schüchternen Regen (Regen, der nicht die Eier hat, anständig zu fallen, und ein armseliges Dasein als humide Luftfeuchtigkeit auf Jacken und Haaren fristet), aß Käse und Trauben und erzählte ihm von diesem Thoreau-Buch, das sie neulich gelesen hatte und wie spannend das Konzept der Einsamkeit doch sei, klingt das nicht befreiend? Fand er nicht. Er schlug vor, zusammen einen Film anzusehen, sie wollte lieber lesen, er dann auch. Sie schlief nicht gut die Nacht, sein Atmen klang jetzt immer lauter, wie ein anrollendes Flugzeug in einer gewitterlosen Sommernacht. Er war kein Schnarcher.

Und sie horchte in den Abgrund der Nacht hinein und in das Echo fremder Atemzüge und merkte, sie hatte erreicht, was sie immer wollte: Sie war nicht mehr allein.
Das Problem war nur: für den Rest ihres Lebens."
 
 
Bild: Sabino Aguad (flickr.com) unter cc by-nc-sa 2.0

Tuesday, January 05, 2016

Der Architekt. (I)


"Eine humide Nacht kriecht heran, als er nach Hause läuft. Auf dem Markt, auf dem sie tagsüber glänzenden Schinken verkaufen und Dörrfisch auf kleinen Holzstöcken, räumen sie gerade die Reste des Tages weg. Eine rundliche Frau in speckiger Schürze wäscht ihre Plastikkisten mit einem Schlauch ab und er würde sie gern fragen, ob es das ist, was sie sich für ihr Leben vorgestellt hat. Es sollte gar nicht prätentiös klingen, eigentlich gibt es nichts Erfüllenderes, als hungrigen Menschen richtig guten Käse zu verkaufen, den ganzen Tag an der frischen Luft zu stehen und abends Erschöpfung bis in die Rippen zu spüren. Keine Zweifel und kein Druck, keine Leere und kein Bedauern; nichts als diese körperliche Erschöpfung, die dich ganz vereinnahmt und dir nachts die Knochen zersägt. Manchmal wünscht er sich diese Art von Ursprünglichkeit; und doch weiß er, dass er eigentlich viel zu weichgewaschen ist dafür. Er würde auch gern Fische fangen und Bäume fällen und morgens im Fluss baden. Er würde gern als Nomade in Marokko leben und nachts unter den nackten Sternen schlafen. Aber dann fällt ihm ein, dass er es mit dem Rücken hat und schnell friert; hat er als Kind schon. Seine Mutter erzählte ihm früher, wie sie ihm manchmal zwei Mützen übereinander angezogen hat, und wie sich dann die Leute über seinen Kinderwagen beugten und seinen riesigen Kopf begafften. Wie eine unförmige Melone, sagte die Nachbarin immer. Die Nachbarin war groß und ausgemergelt wie ein abgelutschtes Stück Holz und roch nach Bratfett und Urin. Er kann sie noch heute nicht leiden. Fakt ist, er ist, trotz aller poetischen Bewunderung, nicht geschaffen für das rohe Leben. Er plant vorher und analysiert später, aber er lebt nicht im Moment. Er ist kein Handwerker; er ist der Architekt.

Die Menschen bewundern immer diejenigen, die genau dort sind, wo die Reize auf ihre Nerven treffen, die heute sind und heute denken, aber sie verkennen, dass es eigentlich viel mehr Mühe einfordert, ständig gleichzeitig, ständig überall und nirgendwo zu sein. Gleichzeitig die Straßen der Vergangenheit einzureißen und die der Zukunft zu errichten. Er schwingt über den Abgründen eines selbstangelegten Kapitalismus; es kostet so viel Zeit. Wofür ist Käse ein Symbol? Der Architekt lässt seine Schritte langsamer werden und bleibt etwas unsicher neben der Frau in der Schürze stehen, tut, als müsste er auf die Uhr sehen, blickt auf sein nacktes Handgelenk, schiebt seine Hand hastig wieder in den Ärmel.

„Machen Sie das schon immer?“

Der Wasserstrahl ist lauter als der unsichere Tenor, der ihm aus dem Mund fährt, und unbeirrt fährt die Verkäuferin fort, ihre Kisten abzuspritzen. Er räuspert sich.

„Machen Sie das schon immer?“

Da dreht sich die Frau um und hält ihm den Schlauch wie ein schlaffes Gewehr vor die Brust.

„Tut mir leid. Jetzt hammse mich aber erschreckt. Was sachten sie?“

„Ob Sie das schon immer machen.“ Fast bereut er, ein Gespräch angefangen zu haben.

„Seit ich denken kann. Davor hat mein Vater diesen Stand gehabt und davor mein Großvater. Sehn Sie!“ Nicht ohne Stolz zeigt sie auf ein hölzernes Schild über dem kleinen Zelt, Käse Picard – Qualität seit 1921, steht darauf. Er gibt sich Mühe, ein beeindrucktes Gesicht zu machen, er fährt nicht oft auf den eisernen Schienen der Gesellschaft, aber manchmal sieht er keine andere Wahl.

„Machen Sie es gerne?“

„Ob ich das gerne mache, Jungchen. Sie stellen Fragen. Man überlegt sich nicht, ob man es gerne macht oder nicht, man macht es einfach.“ Sie kratzt sich an einer schuppigen Stelle am Ellenbogen, genau an der Stelle, wo das weiche Fleisch ihres massiven Oberarms auf den Schorf in der Beuge trifft, und der Architekt wendet befangen den Blick ab. Solche Augenblicke sind ihm immer peinlicher als den Betroffenen, vielleicht weil er nie genau weiß, wo er auf der kurzen Linie zwischen indiskret und verklemmt oszilliert. Seine Stille und das beständige Kratzen, das die junge Nacht zerreißt wie Schleifpapier, bringen sie schließlich zum Reden.

„Früher wollte ich mal auf die Modeschule. Aber hilft ja nichts, der Stand ist unserer Familie und dann muss man den übernehmen. Da wird nicht groß gefragt, was man sich für seine Zukunft vorgestellt hat. Man macht es einfach“, sagt sie nochmal und hält inne. Sie überlegt kurz. „Und ich mach es ja schon gerne. Es ist halt Arbeit, ich rette damit vielleicht keine Leben, obwohl ja irgendwie schon, weil die Leut‘ wollen ja essen -“ Sie lacht ein leises, aber festes Lachen, man hört, dass sie Kettenraucherin ist, wahrscheinlich auch dem Alkohol nicht abgeneigt, immerhin hat sie guten Käse, denkt der Architekt, und dann guckt sie ihn freundlich und etwas ungeduldig an. Der Schlauch hängt kraftlos an ihrer knotigen Hand herunter. „Ham’se jetzt alles, was sie wissen wollen?“

Er hat, fürs Erste. Er nickt und sagt „Guten Abend“ und hätte er einen Hut auf, hätte er ihn gern gelupft, aber stattdessen hebt er die Hand zum Gruß und lässt sie auf halber Höhe wieder sinken wie ein Flugzeug, das zur Notlandung ansetzt, und dann steckt er seine inkompetenten Hände in die Manteltaschen und schlägt den Kragen hoch und läuft durch die Einsamkeit nach Hause. Er wohnt in einem ganz kleinen und hässlichen Haus am Stadtrand, der Architekt."


Bild: Instant Photography


Wednesday, December 09, 2015

Wie ein Text entsteht, selbst wenn er keine große Lust darauf hat.

Ihr stellt euch das so lässig vor, so roh. Mitten in der Nacht hat man diesen Einfall, man muss ihn einfach aufschreiben, diesen hemingway’schen „wahrsten Satz, den man kennt“, und dann steht man auf, kippt sich ein paar Gläser Rotwein oder Jack Daniel‘s hinter die Binde – Weißwein ist ja ganz nett, aber von einem lieblichen Sauvignon blanc hat noch niemand einen Roman geschrieben – und setzt sich an die Schreibmaschine, die im Takt des vor Aufregung und Ethanol wild klopfenden Herzens einrastet und ausrastet wie ein entlaufener Gaul. Gedanken weichen Gefühlen, die jetzt hektisch auf das Papier schwimmen, kraulen, durch die Tinte tauchen. Das Ganze ist natürlich emotional hochgradig aufgeladen, wie in einem Wahn wird die ganze Geschichte heruntergeschrieben, fast in einem Zug, nur für ein paar Zigarettenzüge hält man an. Nach dem vierten Absatz: der erste Atemzug. Auf Seite drei schreibt man den Satz, der später auf billige Postkarten gedruckt wird. Auf Seite sieben erkennt man, was die Welt im Innersten zusammenhält (Liebe und Physik). Man weint ein bisschen. Hinterher legt man die fünfzehn Seiten auf die Seite und duscht sich kalt ab, um den fiebrigen Schweiß herunter zu waschen. Nachspülen mit Whiskey. Neugeboren.

In Wahrheit schreibst du auf einem Laptop (nein, kein Macbook; einfach nur ein stinknormaler, scheißlangweiliger Laptop). Es ist ein ruhiger Mittwochabend, den ganzen Tag war man wie elektrisiert von Inspiration, vom Herbst und seinen Schatten, die ganze Stadt leuchtet und vibriert, sie flimmert und zuckt! Jetzt hast du elf Tabs offen, einen Wikipedia-Eintrag über spanische Dublonen und streichelnden Elektro, Mails, eine Tageszeitung fürs Gewissen und Buzzfeed für den unsinnigen Rest, Facebook natürlich. Und irgendwo links unten ein blaues Worddokument, das sich ungefähr alle sieben Minuten höflich räuspert und nuschelt, „Ähm, wie war das denn jetzt, werde ich noch gebraucht?“

Langsam werden deine Augen feucht - kein Wunder, du glotzt seit fünf Stunden in einen ungeputzten Bildschirm. Du googelst „Schriftsteller, die zu Lebzeiten verkannt wurden“ und verstehst plötzlich deine kosmische Bestimmung. Du trinkst einen Schluck Leitungswasser und schreibst dann einen Text darüber, wie man keinen Text schreibt. Schlechtgeworden.


Bild: privat

Thursday, November 12, 2015

Pont au Change.

in englischer Sprache erschienen in The Offing

"In zwei Sekunden kann man einen Tequila exen oder zwei wieder auskotzen. In zwei Sekunden kann man sich einmal durch die Haare fahren oder alle abschneiden. In zwei Sekunden kann man verstohlen rülpsen oder für einen kurzen Moment die Welt atmen hören. In zwei Sekunden kann man nicht: sein Leben ändern. Aber eine Ampel kann es. Und genau so war es irgendwie auch, an einem nichtssagenden Mittwochnachmittag durchschnittlicher Luftfeuchtigkeit, als die Ampel an der Pont au Change von Rot auf Grün sprang und sich im Leben von Z. alles drehte.

Wie immer hatte sie sich beim Warten schräg nach hinten umgedreht, wo der Eiffelturm stand. Geduldig, gelangweilt, eine französische Charakternase aus Stahl. In einer Stadt, in der jeder Gedanke im Staub erstickt wird, weil alles schon gedacht, gesagt, gefühlt wurde, ist es schwer, irgendetwas völlig Neues zu tun; immer wenn ihr das klar wurde, wollte sie die Straßen umfalten und ausheben, Brücken spalten, Pflastersteine vom Asphalt brechen. Sie wollte die ganze Stadt in große Stücke reißen und sie schälen, häuten, entkernen.

Noch einmal umdrehen. Sie machte es nicht auffällig, vor allem aber machte sie keine Fotos, sie war ja keine gottverdammte Touristin. Nur sich vergewissern, dass er noch da war; dass man selbst noch da war. Alles war noch da, wie gestern. Wie immer. Im Café Bords de Seine saßen ein paar Leute alleine vor ihrem Espresso und taten beschäftigt oder ließen es bleiben, die Gesichter wie leere Teller. Ungeduldig trat sie von einem Fuß auf den anderen, es war März, aber immer noch kühl, außerdem war sie ja eben keine Touristin, sie konnte die abgegriffene Schönheit dieser Stadt auch im Vorbeihetzen bewundern. Um den Place de Châtelet schlängelten sich die Autos in wichtigtuerischer Eile, überrannten sich, blieben stecken. Es gibt keine Lücken in Paris. Paris ist eine Stadt wie ein gelebtes Leben, die ganze Topographie ein abgetretener Weg. Der Gedanke fuhr ihr in die Knochen wie ein stumpfes Skalpell. Und dann sprang die Ampel und sie lief los. Und dann sah sie die Lücke. Sah erst durch die Lücke hindurch und dann außenrum, auf das Gesicht links und rechts und oben und unten von dieser Lücke.

Wäre ein Gesicht ein fremdes Land, dann hätte sie diese Prärie in dem Moment betreten, als die Ampel umsprang an der Pont au Change. Am liebsten wäre sie durch dieses Gesicht spaziert wie durch einen Nationalpark und hätte sich in den Falten verlaufen. Vielleicht in der Grube links neben dem Mundwinkel niedergelassen und eine kleine Weißweinschorle bestellt. Aber weil es ja ein Gesicht war und kein Nationalpark, und weil sie ja nicht verrückt war und außerdem eh viel zu groß proportional gesehen, lächelte sie einmal hinein wie in einen Spiegel und sagte Hallo. Und der Zaun um die Lücke öffnete sich zu einem breiten Grinsen und sie ging rein."



Bild: Roger W (flickr.com) unter cc by-sa 2.0

Saturday, October 10, 2015

Und dann leben wir und kerben.

frei nach Gilles Deleuze und Félix Guattari, Mille plateaux

Jeder Raum ist zunächst glatt; liegt da, völlig offen und formbar wie ein weiches Stück Wachs. Unendlich. Schutzlos. Und dann leben wir und kerben. Und dann ist die Straße nicht mehr ein unbekanntes Stück Asphalt, sondern der Weg von dir zu einem Anderen. Dann ist die Stadt ein dichtes Koordinatensystem unzähliger Bezugspunkte, werden stumme flache Wände zu sprechenden Apparaten mit Struktur. Dann gehst du nicht mehr zwischen Häusern hindurch und siehst nur das: Häuser.

Plötzlich sind da Biographien hinter Gips und Beton. Du hast dich überall im glatten Raum festgeschlagen, deine Finger ins heiße Wachs gedrückt. Du bewegst dich zwischen fremden Schatten und läufst durch eine Stadt, die sich nur für dich hochgezogen hat. Dann ist da nicht mehr ein leerer Raum, dann verschwinden eindimensionale Fassaden. Du schlägst Kerben an jeder Ecke; und dann ziehen sich deine Linien wie schwarze Schnüre durch den Wind. Dann ist da der Weinkeller, in dem zu tief auf den Grund gekratzt wurde, ist der Club, vor dem du fünf Gin Tonic und die Erinnerung an einen Menschen ausgekotzt hast und dann ist da das Schuhgeschäft, vor dem dir deine Mutter samstags eine geknallt hat. Und du kerbst weiter.


 
 
Bild: Ellen Munro (flickr.com) unter cc by 2.0

Monday, October 05, 2015

90 Grad.

"Das Erste, was ich spüre, als ich die Augen aufmache, ist mein großer Zeh. Gleich danach: die gleichen Zweifel. Manche Leute preschen ja im Fahrtwind durchs Leben, mühelos, einen Arm lässig aus dem Fenster hängend, vielleicht eine Zigarette im Mundwinkel. Manche sind die entspannten Beisitzer, die nur den Soundtrack aussuchen müssen, während sie ein geübter Fahrer sicher über die Schlaglöcher hebt. Ich bin eher das quengelnde Kind auf dem Rücksitz. 

41 Grad, das Auto stampft wie ein Lavakessel durch die Asphaltwüste. Die Sonne ohrfeigt blasse Gesichter erbarmungslos durch die Fensterscheibe, Gurte brennen, Hemden kleben, irgendwo zwischen den Sitzen läuft ein Wassereis aus, als wollte es sagen, Leckt mich doch alle mal, ich verschwinde jetzt. Es läuft keine Musik, weil man mit Phil Collins irgendwie das Gefühl hätte, einem wäre noch heißer, und die zwei müden Menschen vorne haben aufgehört, sich über alles aufzuregen, wahrscheinlich machen sie im Stillen weiter. Ich bin das quengelnde Kind auf dem Rücksitz. „Sind wir bald da?“, frage ich zum vierzehnten Mal in einer halben Stunde und versuche, mir einen Tropfen Eis vom Ellenbogen zu lecken. Ich bin sieben Jahre alt und es ist mir scheißegal, dass die anderen Kinder in der Schule behaupten, keiner käme dort mit seiner Zunge hin. Ich bin ein bisschen zu dick, aber einfach weil ich weiß, dass es das wert ist und wenn ich will, komme ich überall hin, an den Ellenbogen und auch in den Urlaub. Holland, haben meine Eltern gesagt, ist toll, es gäbe dort Meer und verwunschene Wälder, Fahrradwege, Holzschuhe und hervorragenden Käse. Beim Käse hatten sie mich. Wäre ich älter und kein Einzelkind, würde mir vielleicht auffallen, wie erschöpft die Stimme meiner Mutter klingt, als sie sich zu mir umdreht und ihre Worte so beruhigend auf mein Gesicht tröpfeln lässt wie sonst nur unser rostiger Rasensprenger: „Ja, bald sind wir da. Und wenn wir ausgepackt haben, gehen wir ans Meer, okay?“ 

„Wenn Sie den Bericht über das Jubiläum im Krankenhaus fertig haben, gehen Sie doch bitte mal zum Bäcker, okay?“ 41 Grad, nicht einmal einen Ventilator haben diese beschissenen 22 Quadratmeter Nichtigkeitstristesse. Unter meiner schwitzigen Handfläche irrt eine Maus kreuz und quer über den flirrenden Bildschirm, ich öffne eine Alibi-Artikelseite und lese ein Tab daneben heimlich den Wikipedia-Eintrag über fortgeschrittene Geometrie, ich fasse meine feuchten Haare im Nacken zusammen und puste überschüssigen Kohlenstoff in die stickige Luft. Eine Fliege spaziert vom zweiten über den dritten Absatz und ich verspüre den dringenden Wunsch, mit ihr zu tauschen. Ich bin zwanzig Jahre älter und neidisch auf einen Zweiflügler. Ein Praktikum in der Lokalredaktion, haben meine Eltern gesagt, ist eine super Möglichkeit, endlich einen Fuß in die Tür zu bekommen, keiner hat im Feuilleton der ZEIT angefangen. Jetzt sitze ich also in harten Sesseln mit abartigen Mustern und mache das, was man auf Französisch auch „Les chiens écrasés“ nennt, überfahrene Hunde. Gott, ich wäre froh, würde ich tatsächlich über Mordfälle berichten. Stattdessen laufe ich mit einer Redaktionskamera zum vierzigsten Jubiläum der freiwilligen Zeitverschwender und schieße absurd schlechte Fotos, die dann am nächsten Tag auch noch tatsächlich abgedruckt werden. Als ich vom Bäcker zurückkomme und meinen Kollegen, die ich am besten mit der Farbe „beige“ beschreiben könnte, ihre Blätterteigbanalitäten auf den Tisch lege, weiß ich, dass ich morgen nicht wiederkommen werde. Das Billiggebäck ist durch, ich bin es noch nicht. 
Meine auf dem Rückweg sorgsam komponierte Kündigungsrede fliegt trotzdem in den Müll, stattdessen werde ich das abwickeln wie jeder rebellische Protagonist: einfach nicht mehr kommen. Ghosting am Arbeitsplatz, mein innerer Schweinehund wedelt begeistert mit dem Schwanz. Draußen schlägt mir die Nachmittagssonne frontal ins Gesicht, sie kommt mir hämisch vor, als versuche sie, die Menschheit systematisch auszubrennen. Nur ein Hang zum Pathos kann die stoische Indifferenz der Welt und des Wetters uns gegenüber manchmal aufheben, die platte Trivialität dieses Moments. Eine fette Frau mit weniger Klamotten als ihr aus gesellschaftlichem Anstand zustünden, teilt ihn sich mit mir. Ich nicke ihr kameradschaftlich zu, ich war ja auch mal dick, und fließe über die Metallsitze. 
Ich denke an diese Reise nach Holland. An das bestimmte Ziel, das ich vor Augen hatte, während ich den Sitz vollschwitzte, an die Gewissheit, das Meer. Am Bahnhofskiosk kaufe ich ein Bum Bum, streiche mir ein bisschen Softeis auf den Arm, lege die Zunge darüber und warte darauf, dass sich dieser Geschmack von Ankommen im Gaumen ausbreitet. Nichts. Es schmeckt nur nach Kunststoff und unerfüllten Freibadsehnsüchten und die Frau neben mir scheint leicht verstört angesichts meiner unkonventionellen Essentechnik. Macht man das jetzt so, fragt sie sich vielleicht, oder wohin kämen wir denn da. Außerdem schielt sie neidisch auf den knallroten Plastikhaufen in meiner Hand. Ich drehe mich weg und muss den Rest Bum Bum mit Sicht auf eine Oberleitungsstörung lecken, aber zumindest das Gehirn wird gekühlt. Mir ist ständig heiß und trotzdem habe ich das Gefühl, ich bin invariabel halbgar. Wir legen uns in vorgeheizte Jahre und irgendwie passiert nichts, außer zweimal 41 Grad im Sommer. Was fehlt, ist der rechte Winkel.

Mittlerweile habe ich erkannt, wieso mir die verwirrte Frau so vertraut vorkommt, woher ich den Schwung ihrer Nase kenne und das fliehende Muttermal über der Lippe. Es ist mein älteres Ich, das da neben mir sitzt und eigentlich würde ich gerne wissen, wieso verdammtnochmal ich in zwanzig Jahren wieder dick geworden bin, ich habe mich doch nächtelang nur von Kühlschranklicht ernährt, aber eine Frage drängt noch mehr: „Sind wir bald da?“ 
Ich werfe ihr das ganz vorsichtig vor die Füße, so wie man einem aggressiven Hund ein Stück Fleisch als Beruhigungsköder vor die Nase legt, mit ausgestrecktem Arm und spitzen Fingern, die Beine bereit zu rennen. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich die Antwort überhaupt hören will. Mein älteres Ich sagt nichts, ich versuche sie mit meinem Eis zu bestechen: „Bum Bum?“ Mir fällt im selben Moment auf, wie bescheuert das klingt, wie plemplem. Ich will doch einfach nur wissen, ob diese innere Unruhe irgendwann aufhört. Ob man jemals den Punkt erreicht, an dem man sich irgendwie vollständig fühlt und im Lot. Mein älteres Ego schweigt hartnäckig, dann brabbelt sie etwas von „Fällen“, „Konstruktion“ und „Grad“, steht schwerfällig auf und geht, ich werfe ihr den blauen Kaugummistiel hinterher. „Ich will aber nicht nach Stalingrad!“, rufe ich wütend. Ich will doch nur endlich ankommen. 

Wikipedia durchzuckt mich und ergibt plötzlich so etwas wie Sinn: „Ein rechter Winkel ist ein Winkel von 90 Grad. Zur Konstruktion gilt es, ein Lot auf einer Geraden zu fällen.“ Das Letzte, was ich spüre, als ich die Augen zumache, ist mein großer Zeh. Dann lasse ich mich fallen."


Bild: Franca Gimenez (flickr.com) unter cc by-nd 2.0


Monday, August 03, 2015

Schwarz-Weiß.


erschienen in der Anthologie des Superpreises für Literatur (Verbrecher Verlag, Berlin)

"An den Seiten ist Sacré Cœur kohlrabenschwarz. Zuerst und von weit weg sieht man immer nur die weiße Pracht, die sich über Paris aufschichtet wie frisch geschlagene Sahne; man muss sich die Zeit nehmen, darum herumzulaufen, um die verbrannten Flecken zu sehen. Ist es mit Menschen nicht auch so, denkt sie und schluckt und schmeckt Enttäuschung und Erleichterung und Hunger und läuft weiter.

Stiefel im Schnee. Ein Knirschen. Die gellenden Schreie der Mutter, Koffer mit offenen Mäulern. Männerstimmen, die die Winterluft zerreißen, Fenster bersten. Schreie. Ein letzter Kuss, nie eingelöst. Stiefel im Schnee. Wenn man doch nur vergessen könnte.

„Sie haben Alzheimer, Frau Goldmann“. Es ist nicht immer leicht, wenn Wünsche wahr werden, manchmal ist es sogar ziemlich beschissen. Der Mann im weißen Kittel vor ihr hat ein typisches Arztgesicht, mit scharfen Wangen und Wohlstandsfalten. Er lässt einen Kugelschreiber durch seine Medizinerfinger gleiten und schaut sie eindringlich an, als überlegte er, ob er sie für den folgenden Monolog wie ein Kind oder eher wie eine Erwachsene behandeln sollte. Das Zimmer ist gewöhnlich und bedeutungslos wie ein abgeschliffener Stein, es bietet keine Angriffsfläche. An den Wänden Querschnitte des menschlichen Körpers und die Kinder des Arztes, immerhin noch ganz. Wo ist deine Ehefrau, will sie ihn fragen, hast du Angst, sie aufzuhängen, weil du manchmal davon träumst, genau das zu tun? Sie will sich irgendwo festhalten, aber ihre nervösen Blicke rutschen an den sterilen Oberflächen ab. „Frau Goldmann“, sagt der Arzt eindringlich, es kommt irgendwie dumpf an und gleichzeitig ganz klar. „Wissen Sie, was das heißt, Frau Goldmann?“ Der Arzt hat sich offenbar dafür entschieden, sie wie eine begriffsstutzige Patientin zu behandeln, die nicht ahnt, dass sie sich von nun an den Arsch von einer unterbezahlten Polin abwischen lassen muss. Dass sie dabei zusehen wird, wie sie in sich selbst zerfällt. „Natürlich weiß ich das“, sagt sie, hält sich an der glatten Stuhllehne fest, nur mit den Fingerspitzen, und versucht sich krampfhaft daran zu erinnern, womit sie heute Früh ihr Brot bestrichen hat. Hatte es überhaupt Brot gegeben?

Raue Hände. Dreckige Fingernägel, die sich in ängstlich zitterndes Fleisch bohren. Schreie. Alkohol zieht aus ihren Schluchten, faulig und scharf. Blut auf dem Laken, wie eingebrannt. Stiefel im Schnee.

 Der Doktor redet noch ein paar Minuten auf sie ein, aber sie hört nicht zu, wozu auch, sie wird es ja doch gleich wieder vergessen, das hat er ja selbst gesagt. Dann drückt er ihr ein Faltblatt in die zitternde Hand, „Diagnose Alzheimer“ steht darauf, zwei lachende Senioren werfen ihr und der Diagnose ein debil-vitales Grinsen hämisch ins Gesicht. Sie verspürt das dringende Bedürfnis, sie zu schlagen, aber dann würde man sie erst recht für geistig verwirrt halten und einsperren. Die Gesellschaft mag keine alten Schachteln, die angebissene Perlenketten tragen und auf Reklamemenschen einprügeln. Die Gesellschaft mag Senioren, die sich in die Windeln machen und trotzdem fröhlich von Prospekten lächeln.
„Bis bald, Frau Goldmann. Und viel Glück.“ Der Arzt steht auf und exerziert diesen festen Händedruck an ihr, der Empathie und Selbstvertrauen gleichzeitig suggerieren soll. Es wird schon alles wieder gut, aber da müssen Sie jetzt auch irgendwo alleine durch, sagt dieser Händedruck. Ich stelle nur die Diagnosen. „Danke, Herr Doktor“, sagt sie, überrascht, wie fest ihre eigene Stimme klingt - „Und hören Sie auf, meinen Namen ständig zu wiederholen. Jeder weiß, dass man diese Masche spätestens im zweiten Semester lernt. Guten Tag.“
Draußen surrt Paris unter der Julisonne und trotz allem fühlt sie eine gewisse Ruhe, ein andächtiger Zustand völliger Klarheit. Noch kann sie sich wehren. Die Krankheit wird einem ganz allmählich alles nehmen: das Gedächtnis, den Mut. Die Würde. Ich will nicht vergessen, denkt sie. Lieber nichts als alles. Alzheimer ist ein Dieb, der alles in große Plastiksäcke steckt, den Plasmafernseher und den Goldschmuck der Verwandtschaft, die Haushaltsgeräte und alles Bargeld. Ein Dieb, der nur stiehlt, was dir am meisten wert ist. Und den Dreck zurücklässt. Noch weiß sie, dass sie vergisst und vergessen wird. Aber schon bald wird sie nicht mehr bemerken, dass sie immer die gleichen Fragen stellt. Sie wird wütend werden und aufsässig, wenn man sie wie ein unfähiges Kind behandelt und sich wundern, wieso die fremde junge Frau mit den feinen Haaren „Mama“ zu ihr sagt. Sie wird apathisch werden und den leeren Blick hinter ihrem Gesicht im Spiegel nicht mehr hinterfragen.

„Entschuldigen Sie, junger Mann, wo finde ich denn die Pfirsiche?“ Monoprix hat schon wieder umgeräumt. Der Mitarbeiter zeigt nach rechts, nur wenige Meter neben ihr wartet die Auslage, das Obst schaut sie beinahe vorwurfsvoll an, ein Apfel grinst höhnisch. „Aber Sie haben in Ihrem Korb doch schon einige Pfirsiche“, nuschelt der junge Typ vorsichtig. Die Welle kommt heftig und schnell, ein heißer Strahl aus Scham, aber sie reagiert auf so etwas mittlerweile, ohne groß nachdenken zu müssen: „Wissen Sie, alle meine Enkel kommen dieses Wochenende zu Besuch. Die lieben Pfirsiche, besonders die jüngste. Manchmal isst sie alles weg, ohne dass ihre Geschwister auch nur ein Stück erwischen!“ Dazu stolpert ein hysterisches Kichern aus ihrem Mund. Okay, das reicht, ermahnt sie sich, du übertreibst es, zudem sieht der Mitarbeiter nicht aus, als würde er sich für ihre fiktiven Familienprobleme interessieren. Beschämt reiht sie sich in die Kassenschlange ein und kauft ein Dutzend praller Pfirsiche, von denen sie zehn zu Hause in den Müll kratzen wird. Wie letzte Woche.

Ein dunkler Bart, der an ihrer Wange kratzt. Alles an der Bewegung ist grob, ruckartig. Kaum unterdrücktes Stöhnen. Schreie. Die Augen offen und starr wie verlassene Höhlen, vor dem Fenster zittert die nackte Kastanie im Wind. Stiefel im Schnee. 

 Ihr ganzes Leben hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht als die Fähigkeit zu vergessen. Aber, wie immer kommt die Erkenntnis erst nach dem Fall, integrale Freiheit bedarf immer auch: Kontrolle. Sie schlingert unter den festen Händen der Krankheit, kann nicht auswählen, was sie behält und was vergisst, was sich in ihre Gehirnrinde gefressen hat wie Asbest und was einfach durchs Raster fällt. Kindheitserinnerungen und traumatische Erlebnisse bleiben Alzheimer-Patienten oft erhalten, hatte der Arzt bei ihrem vierten Treffen erklärt, und so stand es auch in dem Faltblatt mit den heuchlerischen Senioren. Auf einem kleinen Spiralblock in der Küche macht sie sich jetzt Notizen. Und jede Woche das Kreuzworträtsel. Ankämpfen gegen das Vergessen, obwohl man sich ihm am liebsten hingeben würde, hineinfallen will in ein Vakuum totaler Taubheit. Pfirsiche werden vergessen, Telefonnummern, Namen, eigentlich alles, was die Identität für andere konstruiert. Aber was bleibt, sind die Bilder. Die Männer. Die Angst, wie Beton auf einem Schwimmer.

Lachen, kehlig und mokant. Etwas zieht an ihren Haaren, sie lässt die Tränen laufen, aber nach innen, alle Organe scheinen zu zittern. Von weit her die Stimme der Mutter. Schritte, die näher kommen, die Treppe rauf, nach Jahren kennt man jede Stufe, jedes Geräusch. Schreie. Falten im Nachthemd. Stiefel im Schnee. Stiefel im Schnee. Stiefel im Schnee. Stiefel im Schnee.

Schweiß überrollt sie wie eine Welle, nein, ein Tsunami, sie keucht, aber es übertönt nicht die Schreie in ihrem Kopf. Die Bilder kommen jetzt immer öfter. Meist aus dem Hinterhalt, es reicht, wenn ihr auf der Straße ein Paar schwarzer Schuhe entgegen schreiten oder der Geruch von klarem Schnaps. Nur noch ein paar Stufen. Der Atem geht stoßweite, aber sie versucht, die Stöße auszudehnen. Wenn ich jetzt umfalle, bin ich ganz alleine. Sie schiebt den Gedanken weg, auch dass sie sich auf dem Weg verlaufen hat, zweimal, konzentriert sich auf die Schritte. Bein heben, vorwärts. Bein heben, vorwärts. Sie hat noch keine Hilfskraft aus Osteuropa, die Blöße will sie sich nicht geben, ihre Rente reicht auch für zehn zusätzlich unberührte Pfirsiche und anderes Obst mit einer Schale aus Scham. Einatmen. Ausatmen. Widersprüche werden sich nicht auflösen, aber vielleicht will sie sich auch gar nicht auflösen. Ihr Atem wird immer ruhiger und zum ersten Mal seit Monaten hat sie den Anflug eines Gefühls der Kontrolle. Alles nehmen, was von mir noch bleibt, denkt sie und fühlt sich seltsam leicht dabei. Dann baut sich die Basilika in ihrer ganzen Zuckerbäckereleganz vor ihr auf: Sacré Cœur, Exil ihrer Ängste. Sie streckt ihre Hand nach der kühlen Mauer aus, betrachtet ihre faltige Hand und die Brandflecken auf dem weißen Kalk und lässt zu, woran sie das alles erinnert: Ein brennend kalter Januartag im Jahr 1945. Auf der harten Erde heben sich, ganz scharf, ein paar schwarze Schuhspitzen ab. Stiefel im Schnee."


Bild: Justin Schier (flickr.com) unter cc by 2.0

Wednesday, July 01, 2015

A (very) short love story.



In the damp summer of 1935, he fell in love.
She fell down the stairs.







Bild: Ilya (flickr.com) unter cc by-sa 2.0

Wednesday, May 13, 2015

Freier Verfall.

 
"Die Tür ächzt ein bisschen beim Aufschließen, als hätte selbst sie genug von dieser Welt. Entnervt wirft sie ihre Sandalen in eine Ecke, die Sonnenbrille in die andere. Hat eh schon wieder einen Riss, aus dem das Glas halb heraus fällt, weil sie immer die billigen an der Straßenecke kauft. An dem Stand, an dem es dieses eine Modell in allen Neonfarben gibt, und für die gleiche Zielgruppe Piercings in den abartigsten Formen. Die gleichzeitig hippen und stillosen Verkäufer dort kauen gelangweilt Kaugummi und nehmen ihren Schein immer mit spitzen Fingernägeln entgegen – als wäre sie diejenige mit dem schlechten Geschmack. Sie nimmt immer die gleiche Brille, immer in schwarz. Vielleicht ist das langweilig - sie setzt eigentlich auf zurückhaltend-stilvoll. Manchmal sind die besten Menschen doch die Leisen.
 
Aber egal in welcher Farbe, die ganzen Klamotten, die Brillen und Schuhe sind doch letzten Endes auch nur dazu da, dass man sich draußen ein bisschen besser in seiner Haut fühlt. Oberflächlichkeit ist manchmal ein wahrer Segen. Es reicht, wenn andere erst nach einigen Wochen oder auch schon Tagen bemerken, dass sie komplett neurotisch ist. Aber wenn sie die Straße entlang federt, mit flatternden Augen und wippender Hüfte, dann genießt sie es, einfach mal so zu tun, als wäre sie ganz bei sich selbst. Vor allem jetzt, zu dieser Jahreszeit. Im Sommer verteilt sie geschmolzenes Lächeln und kühle Blicke wie gratis Cornettos. Zeigt ihre nackten Beine und versteckt die Melancholie hinter selbstgeklebten Sonnenbrillen. Wahrscheinlich wirkt sie dann tatsächlich selbstbewusst statt von Selbstzweifeln zerfressen, ausgeglichen statt auf einer ständigen Berg- und Talfahrt. Manchmal ist ihr fast physisch übel von dem Höhenunterschied. Aber meistens ist sie eh nicht lange himmelhoch jauchzend. Die Luft ist eindeutig zu dünn da oben.
 
Ab 1200 Metern Höhenunterschied wringt sich der Druck auf den Ohren bis ins Gehirn, man erkennt die Signale mittlerweile, das Blut fängt dann an zu rauschen wie ein motivationsmüdes Radio und selbst das überlaufende Gefühlszentrum neben der Brust kann das Vakuum im Kopf nicht mehr auffüllen. Auch Bergsteiger bekommen durch den Sauerstoffmangel beim Aufstieg Konzentrationsprobleme und Denkschwund. Wer will das schon, so ein Hirnödem klingt wirklich öde. Wenn sie ganz oben ist, lässt sie deshalb los. Der Fall ist so kurz, dass sie ihn nicht einmal mitbekommt, und nach dem Aufprall bleibt sie meistens noch eine gute Weile liegen."
 
 

Bild: Jacob Walti unter cc0 1.0
 


Saturday, January 10, 2015

Keiner hatte Krebs, sie war Löwe.

"Am Straßenrand neben dem Supermarkt klebt eine Kotzlache, ein dichter Haufen mit groben Enden, ein paar Spritzer eilig rundherum verteilt. Das Ganze erinnert irgendwie an ein zeitgenössisches Gemälde. Oder vielleicht sieht auch einfach moderne Kunst mittlerweile aus wie Kotze. Was dieser Gedanke mit dem späteren Vorfall zu tun hat, ist jetzt noch unklar. An diesem Dienstag hebt sie erst mal die Beine leicht an und steigt über den Fleck hinweg. Versucht, nicht einzuatmen, tut es aber dann doch, einer Art masochistischen Neugier folgend.

Es sind Menschen, dachte sie montags, als sie sich in den Laken zusammenkrümmte, es sind Menschen, die sich gegenseitig kaputt machen. Das Betttuch schmeckte nach nassem Salz. Es gab bei den meisten keine äußeren Faktoren der Destruktion, sie machten tagsüber irgendwas, sie hatten Geld und Gouda für abends, sie waren im großen Ganzen alle gesund, keiner hatte Krebs, sie war Löwe. Was ist also Ursache für die ganze Scheiße?

Die Linie 3 riecht nach Schweiß und geistiger Verwesung. Um sie herum käsig-verkabelte Gesichter, im Türglas spiegelt sich ihre eigene Interpretation. Zu Tausenden rumpeln wir voran, wie Schweine in ‘nem LKW zum Schlachthof. Im Bauch der U-Bahn sind wir alle gleich, stammeln Oliver und Axel aus dem Kabel. „Schau mal in deinen Taschen nach“, pustet ihr jemand von hinten ins Ohr. Ihre Nackenhaare streift ein bitterer Wind. Eine Mischung aus Fremdheit, Wermut und Absinth. Wermut? Oder Wehmut, denkt sie noch. In unbekannten Situationen kommen ihr die absurdesten Gedanken. Als sie sich umdreht, blickt sie in zwei blaugraue Augen, klein und fest wie Kieselsteine. Der Mann, der ihr gerade seine Epiphanie per Tröpfcheninfektion ins Ohr speicheln wollte, trägt filzigen Bart und Fahne, er riecht nach siebzehn Tagen ungeduscht. Nur seine Augen sind wie poliert, kalt und ganz klar. Die Augen als Spiegel der Seele, was für ein beschissenes Klischee, das ist ihr erster Gedanke. Klingt so armselig, als hätte sich das jemand nur ausgedacht, um es schreiben zu können. Wehe, der will mit mir jetzt über Gott reden, denkt sie als Zweites und sucht das volle Abteil hilflos nach anderen Opfern ab. Dass die mittlerweile nicht mal vor Zugtüren Halt machen. Sie entscheidet sich, den Fremden nur müde anzuschauen und zuckt zur Bekräftigung ihrer finanziellen wie spirituellen Ohnmacht noch mit den Schultern. Er ist schlussendlich kein Zeuge Jehovas. Die Frage ist, ob er überhaupt was bezeugen kann außer den fatalen Auswirkungen von Alkohol auf Farbe und Elastizität menschlicher Haut. Erst als der Penner aussteigt, fällt ihr ein, was er gesagt hat und sie lässt drei Finger in die Manteltasche wandern. Sie fühlen: nichts.

Es gibt keinen Anlass für die Hölle. Und trotzdem ist sie da; nicht unbedingt als Ort, aber doch als diesiger Raum, ohne feste Grenzen. Denn Eines merkt man nicht erst zu sechs Uhr feierabends in der U-Bahn, aber vielleicht besonders dann: Die Hölle, das sind die Anderen. Und es ist echt ein Jammer, dass Sartre diesen Satz schon gesagt hat, denkt sie, greift an die kühlen Metallhebel und lässt sich auf den Bahnsteig kotzen. Das wäre mir auch eingefallen."



Bild: Mario Calvo unter cc0 1.0
 

Tuesday, October 21, 2014

Wir sind alle Wölfe.

Ein Kampf in drei Akten

"Die Gesichter, die draußen gehetzt vorbeifliegen, sehen aus, als hätten sie den Sommer schon ganz vergessen. Als wüssten sie gar nicht mehr, dass sie vor ein paar Wochen, Tagen sogar noch unter einer fremden Sonne gelegen und sich abends den Sand aus den Ohren gerieben haben. Als könnten sie sich nicht daran erinnern, wie unbeschwert sie waren und glücklich, als schauten sie die entwickelten Fotos nicht mehr an und hätten den Geschmack der letzten Meeresfrüchte längst von den Zähnen geschrubbt. Jetzt tragen sie Herbstmode und missmutige Mienen und führen ihre Resignation spazieren wie einen kläffenden Hund.

Ein kleines Stück Sonne scheint in ihre Schüssel mit Pasta, kleiner noch als der Fetzen Parmesan, den sie gerade konzentriert auf eine Nudel stapelt. Er hat nur einen gemischten Salat bestellt und schiebt jetzt die Blätter von einer auf die andere Seite und genau das ist irgendwo auch das Problem. Sein Blick sucht die Flasche mit dem Balsamico, er findet, rastet ein und lässt sie nicht mehr los. Die Häuser scheinen irgendwie weiter auseinandergerückt zu sein in den letzten Tagen. Sie streiten nicht mehr.

Vorher:
 „Als Kampf wird eine Auseinandersetzung zweier oder mehrerer rivalisierender Parteien bezeichnet, deren Ziel es ist, einen Vorteil zu erreichen oder für das Gegenüber einen Nachteil herbeizuführen“, sagt das Internet. Es ist ein Symptom ihrer Generation, Dinge zu googeln, auf die sie selbst keine Antworten hat, Lücken zu füllen, die sich mit Fertigpizza und 2,69€-Billigwein aus dem Supermarkt nicht mehr stopfen lassen. „Mit Kampf kann auch eine große Anstrengung gemeint sein, mit dem Ziel, sich selbst zu beherrschen, Widrigkeiten zu überwinden oder in einer Situation zu bestehen.“ Nie hat sie sich in einem Wikipedia-Eintrag mehr wiedererkannt. Als Kind hatte sie sich immer vorgestellt, Männer seien Hunde und Frauen eine Katze. Später musste sie erfahren, dass sie für die oft nichts ist als ein nett riechender Knochen. Aber langsam dämmert ihr: wir sind alle Wölfe.

Ausweitung der Kampfzone I:
„Es könnte ganz leicht sein“, sagt er. „Es wäre genau das, was dieses beschissene Jahr vollenden würde“, sagt sie und nimmt einen tiefen Schluck aus ihrem Glas mit irgendwas drin. Es zu benennen, würde dieser Geste nur eine Aussage verleihen, die ihr nicht gerecht wird oder umgekehrt, derer sie nicht würdig ist. Rotwein wäre zu dramatisch. Whiskey zu pathetisch, Spezi zu profan. Sie meinen nicht das Gleiche, aber keiner hat Lust, den anderen aufzuklären. Vielleicht war es taktisch unklug, sich in einer Bar zu treffen, in der sie sich alles, was sie sagen wollen, in die schweißmüden Gesichter schreien müssen. Vielleicht war es Selbstbetrug, vielleicht auch ein Klischee. Hinter dem Mischpult zappelt sich ein magerer Jüngling mit Undercut die Seele aus dem Leib, an der Bar der scharfe Typ mit den leicht schiefen Zähnen. Eine kleine Kneipe in der linken Herzkammer von München, gerade noch so unbekannt, dass sie als Geheimtipp durchgeht, aber wer etwas auf sich hält, ist da. Viele halten etwas auf sich in diesen Tagen. Der Tresen klebt, der Boden auch, Bier und tausendundeine durchzechte Nacht hinterlassen ihre Spuren, die wie zufällig in den Raum geworfenen Möbel sind vom Flohmarkt und verkörpern genau die richtige Mischung aus Ramsch und abgefuckter Lässigkeit. Dieser ganze Laden hier ist ein verdammtes Klischee, durchzuckt es sie. Alles passt zusammen.

Nur eins passt nicht, und das sitzt vor ihr, zwischen Feierabendgesichtern und Beziehungsstressvisagen, und jagt arglos seinen Mojito durch den Strohhalm. Sie hasst es, wenn andere ihre Cocktails mit Strohhalm trinken. Strohhalme sind was für Kindergeburtstage und Senioren mit Schluckbeschwerden. Und es nimmt dem unwichtigen und doch irgendwie so bedeutenden Detail seine Größe, dass er gerade den Lieblingsdrink eines der überragendsten Schriftsteller, die je gelebt haben, gedankenlos durch die Röhre der Trivialität zieht. Hemingway hätte kubanischen Rum nie mit einem Strohhalm getrunken. Aber das sagt sie nicht. „Willst du noch einen?“, fragt sie stattdessen und hofft, betet plötzlich, er möge verneinen. Ist es dunkler geworden, seit sie zuletzt geredet haben, haben sich die peinlichen Discokugeln endlich aufgehört zu drehen, als sie fragte - oder bildet sie sich das nur ein? Sein Blick klettert vom versifften Glasrand müde nach oben, und er schaut sie jetzt direkt an, mit einer seltsamen Mischung aus Suff und Enttäuschung. Er wirkt zum ersten Mal angriffslustig, feindselig fast. „Klar trinken wir noch einen“, sagt er und rudert dem schiefzähnigen Kellner mit der Hand ins Gesicht. „Wieso auch nicht.“
Sie wissen nicht mehr wofür, aber sie sind bereit zu kämpfen.

Ausweitung der Kampfzone II:
„Die angreifende Seite wird in der Regel als Aggressor bezeichnet“, murmelt das Lexikon. Der Drucker rattert und stöhnt. Sie zieht das Papier raus, als es noch warm ist und riecht flüchtig daran, so wie andere Menschen am Kopf eines Neugeborenen schnuppern. Kinder mögen sie tendenziell nicht, sie weiß gar nicht genau wieso, ihre Mutter würde wahrscheinlich sagen, sie fremdeln. Mit Druckerschwärze kann sie besser. In Momenten wie diesen fragt sie sich, ob es genau solche Banalitäten sind, die einen am Ende vom Kätzchen zum Wolf werden lassen. Manchmal merkt man doch mittendrin im Gefecht, kurz bevor man fürchtet, man könnte verlieren, dass man eigentlich noch viel mehr Schiss davor hat, tatsächlich zu gewinnen. Aber dann ist es für einen Rückzug zu spät, die Rollen sind verteilt und die Schnitte noch nass. Die meisten Kämpfe führen in die Isolation.

Sie nimmt das Blatt, es ist immer noch warm, und zerreißt es langsam und mit fast kontemplativer Konzentration, bis es in fingernagelgroßen Fetzen über ihre Knie schwimmt. Da ist er wieder, der fahle Geschmack von Verlust im hinteren Rachenwinkel. Sie drängt ihn hastig in den Gaumen zurück und tastet nach ihrem Handy. Scrollt geistesabwesend ihre Kontaktliste durch, saugt sie auf, die virtuellen Gesichter und ihre lächerlich erzwungenen Weisheiten. Da, bitte, ich hab doch Freunde, spuckt sie in die frühe Nacht, die nicht den Anschein macht, als würde sie sich dafür interessieren. Ich könnte mich mit jedem einzelnen von ihnen jetzt noch auf ein Bier verabreden, wenn ich nur wollte. Sie hätte jetzt nicht übel Lust auf ein kühles Helles.

Wölfe sind auch nur Rudeltiere, letzten Endes - solange sich jeder nach drei Bier auf seine Erde zurückzieht. Am Ende kämpft man nur noch für sich selbst. Die Vorstellung vom ewigen Übersiedeln in fremdes Revier wird zur Illusion, zerfällt in den Staub besoffener Tage. Das bittere Gefühl schlängelt sich immer weiter, sie schmeckt es jetzt im ganzen Mund, rollt es mit der Zunge ein, lässt es an die Backenzähne krachen, und schluckt es dann vorne wieder runter, heftig und ein bisschen zu schnell.

Zwei Stunden vorher: frenetischer Applaus zerreißt den Münchner Gewitterhimmel. In der Pause trinken Frührentner in schlecht sitzenden Hosenanzügen überteuerte Cola und sie fragt sich zum neunundzwanzigsten Mal an diesem Abend, was sie hier eigentlich machen. Als wäre ein Kampf weniger erniedrigend, wenn man ihn in hohen Schuhen austrägt. Stattdessen kommt man sich vor wie der Statist einer Schmierenkomödie, von der alle anderen behaupten, es sei ein Drama von Brecht. Aber mit diesem Zug hat er die Kampfzone systematisch ausgeweitet, er geht jetzt zum Angriff über, erobert sie auch im Innenraum. Flucht beim letzten Beifall. Sie nimmt ihren dünnen Mantel entgegen und legt der Garderobenfrau einen Euro in die geöffnete Faust. Ich weiß ja, wie sich das anfühlt, sagt ihr Lächeln, zaghaft, aber bestimmt. Ich hab auch mal als menschliches Jackenkarussell gearbeitet, wobei das mit dem menschlich bei den meisten ja so eine Sache ist. Hol mich hier raus, flüstern ihre Augen, die schwer sind von Wimperntusche und zu viel Weißwein in der Pause.

„Kommst du?“ Er ist zur Stelle, natürlich. Legt ihr einen Arm um die Hüfte und schiebt sie sanft in Richtung Treppen. Sie muss sich ein bisschen am Geländer festhalten, verdammter Wein, aber das bringt ihn zum Lachen. Sie ist überrascht, wie gut er das kann. Fast als machte er das nicht zum ersten Mal. Sie wankt noch ein bisschen mehr, klammert sich etwas fester als nötig um den mit Plüsch bezogenen Handlauf, auch wenn der wahrscheinlich voll ist von Flöhen, es juckt sie schon bei der bloßen Vorstellung, aber sie kann sich gerade noch beherrschen, sich jetzt am Kopf zu kratzen. Von der letzten Stufe gelingt sogar ein kleiner Sprung. Hoffnung,  damit ihr komödiantisches Talent endgültig unter Beweis gestellt zu haben, ein kurzer und sehr peinlicher Anflug von Stolz. Sie schielt auf ihren Fluchtpunkt. Er lacht, aber irgendwie nur unterhalb der Nasenspitze und scharrt mit den Füßen. Draußen schneidet Frühherbstkälte scharf durch die Luft. München ist müde - sie auch.

Ob er noch mitkomme, fragt sie dann, rein aus Formalitätsgründen, sie kennt die Antwort, sie liegt dort drinnen auf dem Grund der Plastikbecher, verschüttet vom Wein. Sie macht es ihm damit eigentlich sehr einfach. Die üblichen Ausreden liegen alle in mundgerechten Häppchen bereit, die Ich-muss-morgen-früh-raus, die kleine Schwester Müdigkeit, auch die für Fortgeschrittene, irgendwas über Zopiclon HEXAL und Klamotten zum Wechseln. Er geht auf Nummer sicher und wählt die Zwei. Die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, als suchten sie dort nach Gold oder vergessenem Geld, drückt er ihr etwas auf den Mund, irgendwas zwischen Kuss und feuchter Luft mit Spucke, dreht sich um und geht. Sie schwankt ihr betrunkenes Ich alleine zur Tram. Über ihr läuft Rigoletto zum vierten Mal an den Vorhang und lässt sich vornüber fallen. Das überschminkte Gesicht der Oper ist eine Fratze und sie lacht ihr von allen Seiten dreckig ins Gesicht.

Ausweitung der Kampfzone III:
„Die Gewalt zwischen Israel und der im Gazastreifen regierenden Hamas dauert an. Die israelische Luftwaffe griff in der Nacht erneut Ziele in Gaza an“, trägt der Nachrichtensprecher mit schräg gestreifter Langweiler-Krawatte seine Sätze ohne große Leidenschaft in die Kamera. Überall herrscht Krieg, denkt sie, und keiner weiß, wofür. Auf einmal hat sie Lust, die Worte auszusprechen, einfach um zu wissen, ob sie tatsächlich so klug chiffriert und theatralisch klingen wie in ihrem Kopf. „Manchmal fühle ich mich wie Palästina“, sagt sie in die Atempause von Thorsten Schröder hinein und bereut es noch im gleichen Augenblick. Es klingt weder klug noch theatralisch, nur beschissen geschmacklos und noch dazu politisch inkorrekt. So könnte auch ein Song von Xavier Naidoo beginnen. „Was meinst du?“, murmelt er, ohne die Augen vom Bildschirm zu kratzen. „Manchmal fühle ich mit Palästina.“ Peng, Rückzieher. „Also, das muss man schon ein bisschen differenzierter sehen“, holt er auch schon aus. Pengpeng, linker Haken. Etwas fällt in ihr zusammen. Sie hatte sich das so gut zurechtgelegt alles, die Rede über Territorialisierung und Deterritorialisierung und das ohnmächtige Gefühl, erobert zu werden, die gewiefte Analogie ihrer irrationalen Angst zu einem besetzten Landstreifen zwischen Jordan und Mittelmeer. Sie hatte den Bogen geschlagen wie eine Figur im Kunstturnen und sauber auf der gegenüberliegenden Kante aufgesetzt. Eigentlich alles richtig gemacht. Aber gewackelt bei der Landung.

„Mag sein, dass die Palästinenser dort zuerst ihren Raum hatten, und klar, in einem Kampf gilt es auch, sich zu behaupten. Aber Raketen als Druckmittel abzufeuern und israelische Soldaten gefangen zu nehmen, wie die Hamas es tut, halte ich für kopflos. Auch wer abwehrt, kämpft. Die haben jetzt einmal angefangen, und können nicht mehr aufhören, bis alles in Schutt und Asche liegt“, sagt er und kratzt sich vielsagend am Kinn. Wichtige Worte sollten immer von nebensächlichen Gesten begleitet werden, das verleiht ihnen eine gewisse Lässigkeit. Sie nimmt sich vor, bei ihrem nächsten Bewerbungsgespräch beiläufig eine Banane zu schälen. „Aber ich fürchte, so wird es nie zu einer Lösung des Konflikts kommen, die einen schleudern Bomben, die anderen schmettern dagegen, und irgendwann kann man nicht mehr sagen, wer das Ganze angefangen hat. Was wir brauchen, ist eine Zwei-Staaten-Lösung.“ Er scheint zufrieden mit seinen Ausführungen und der politisch wertvollen Pointe und lässt sich etwas erschöpft in die angeranzten Sofakissen fallen. Ja, denkt sie und schließt die Augen, als würde sie gleich unter Wasser abtauchen, die Ohren dicht, den präfrontalen Cortex versiegelt. Genau das ist es, was wir brauchen. Eine Zwei-Staaten-Lösung. 

Nachher:
„Krass, dass der Sommer jetzt schon wieder vorbei ist“, sagt sie, dehnt die Worte und den warmen Käse auf ihrer Gabel und sieht ihm beim Nicken zu. Sie wissen beide, was sie damit eigentlich sagen will. Krass, dass das mit uns beiden jetzt schon wieder vorbei ist. Die Luft riecht nach frittiertem Essen und Verlust. Der Kellner war schon lange nicht mehr an ihrem Tisch, als hätte er Angst, ihr einträchtiges Unbeholfenheitsballett zu stören. Sie machen schweigend weiter, eine stapelt, der andere schiebt. Sie wissen auch, der eine so gut wie die andere: es war schon lange vorbei. Aber etwas ist anders an diesem Tag Ende August, nicht nur die Getränke. (Sie trinkt stilles Wasser, er Cola, ohne Strohhalm). Sie kämpfen nicht mehr. Was folgt, ist die Zwei-Staaten-Lösung. Waffenstillstand."



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