Wednesday, May 23, 2018

En construcció.

Barcelona, Mai 2018. 

Grau auf Prisma: An jeder Ecke, die sich nicht immer in Gestalt einer Ecke äußert, trifft man auf neue Formen, Säulen, Bogen, Gänge, Würfel, scheinbar wahllos und doch im Ganzen ein System, kühl wie die Steine, auf denen ich sitze und mich frage, als sich die katalonische Mittagssonne wie irre in den Glasfenstern bricht, ob Gaudí wirklich an Gott glaubte – oder an Licht. 

Und ob das überhaupt einen Unterschied machen würde, ob Basiliken nicht einfach Orte sind, an denen man seinen Fetisch ausleben kann und deren Symbol eben ein Kreuz ist und keine Fessel oder ein Geldschein. Am Ende sind das alles nur Formen mit festen Rändern, und um die Form geht es ja letztlich nie, nur um die Ränder, weil Raum so schwer auszuhalten ist, wenn er nicht begrenzt ist. 

Du bist ein Meisterwerk im Bau, irgendjemand legte den ersten Stein, aber noch bevor du es ahntest, ist etwas in dir erloschen, und jetzt liegt es an anderen, dich zu vollenden. Jeder wird etwas Anderes in dir sehen, die gehetzten Asiaten, die Paare, die sich am ersten Urlaubstag gestritten haben und die, die sich noch am selben Abend verloben, die Familien mit Kindern und die, die hier für eines beten, die Backpacker und Einzelgänger, die verirrten Seelen und leeren Hüllen, sie alle werden in dir ihren ganz eigenen Fetisch ausleben, am Boden, auf allen Vieren, wie Reptilien auf der Suche nach Licht. 

Keiner weiß, wo du hinführst, du bist ein Meisterwerk im Bau. Unaufhörlich sind da fremde Hände, die dich anfassen, unverhohlene Blicke, die dich abtasten; sie benutzen dich. Du bist eine Predigt aus Stein, oder eine Hure am Straßenrand: Du stehst da, lässt alles mit dir machen, inzwischen sind deine Streben zu Salzsäulen erstarrt, du lässt dir alles gefallen – vielleicht willst du gefallen. Dein loderndes Licht zieht sie an, und sie kleiden dich aus; dabei weiß jeder, was hinter den Fassaden geschieht, überall werden Steine verlegt und geschraubt, Passagen abgesperrt, deine Entstehung ist kein Geheimnis, sondern ein Werden im Kollektiv; du bist ein Meisterwerk im Bau.

Vielleicht hat Gaudí weniger eine Ode als vielmehr eine Parabel auf die göttliche Schöpfung geschaffen. Als Sühnetempel der Heiligen Familie wurde die Basilika in Auftrag gegeben, Künstler und Architekten wie Le Corbusier, Walter Gropius oder Dalí waren gegen den Weiterbau. Man ist sich bis heute uneinig, ob der Graben, der zwischen Idee und Ausführung verläuft, ein Fluss ist oder ein Ozean; niemand konnte wissen, wie der Meister seine Kirche weiter geplant hatte. Wir wissen es bis heute nicht. Ist das die eigentliche Sünde? 

Du bist ein Meisterwerk im Bau und täglich mahlen die Maschinen. 



Bild: privat

Saturday, December 16, 2017

Bericht aus Babylon.

erschienen im Adventskalender von mosaik - Zeitschrift für Literatur und Kultur

Tag vierhunderteinunddreißig

Es ist so windig hier, dass ich manchmal das Gefühl habe, mir werden die Gedanken aus dem Gehirn gerissen. Dagegen kann man nichts tun, man kann sie ja nicht festhalten, so wie man Strafen nur abzahlen und Sehnsucht nicht ausbremsen kann, und deshalb warte ich dann. Ich warte und schlafe, ich mache ein paar Kniebeugen, um nicht den Kopf zu verlieren, und putze mein Gewehr. An windstillen Tagen laufe ich mit dem Gewehr im Arm durch die trockene Landschaft und streichle meine Waffe wie die Schultern einer alten Affäre. Am Anfang habe ich mich noch gewundert, wieso ich überhaupt ein Gewehr habe – aber dann habe ich getan, was jedem Menschen ein laufendes Leben gewährt und mich einfach daran gewöhnt. Das kalte Silber des Laufes fühlt sich an wie ein Fisch, der durch meine Finger gleitet; oder als schwömmen sie selbst, durch einen See aus flüssigem Metall. Was ist schon ein Ozean – und was eine machtlose Metapher? Inzwischen stelle ich keine Fragen mehr: Ich bin ein Soldat. Und ich berichte von der Front. 

Als ich meinen Job hier angefangen habe, hat mir keiner erklärt, worin meine Arbeit eigentlich besteht. Aufpassen sollte ich, dass nichts aus den Fugen gerät und „den Laden sauber halten“. Ich wusste nicht genau, was damit gemeint war, und deshalb reinige ich jetzt jeden Tag mein Gewehr, obwohl ich es in den vierhunderteinunddreißig Tagen meiner Amtszeit noch nie gebraucht habe. Ich arbeite allein; das macht die Tage oft lang, aber anscheinend ist es unerlässlich, dass ich keinen Partner an meiner Seite habe und mir niemand reinredet. Manchmal bin ich mir unsicher, ob sie überhaupt wissen, dass ich keine blasse Ahnung habe, was ich überhaupt sagen und in was mir dementsprechend reingeredet werden könnte, und dass ich den Großteil meiner Zeit damit verbringe, mit meinem Gewehr im Arm auf und ab zu laufen und auf die feine Linie zu starren, die einem Horizont gleicht, aber wahrscheinlich eher so etwas ist wie die Oberleitung einer weit entfernten Bahnstation. 

Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der nicht dieser Krieg herrschte. Ich kenne die Welt nur so: der Horizont verleimt von Bahnhöfen, Plakaten, Schildern, bitte aussteigen, bitte trinken, bitte kaufen, bitte konsumieren, aber bitte – kein Müll. Abfall gilt hier als Teufel im System eines falschen Minimalismus (gegründet auf Exzess und seiner Überforderung), denn Plastik und Öl verstopfen heimlich Waldärme und verkleben die Wirtschaft. Als wäre alles nur eine Frage des Stoffs. Doch der eigentliche Unrat, der wirkliche Feind, ist unmöglich zu treffen, denn er ist überall, er liegt in der Luft, hängt in Gardinen und klebt an Wänden, klettert in Ritzen und wächst auf den Bäumen. Er verbreitet sich durch die Zeitung und das Fernsehen, gebiert auf Kaffeetischen und in Krankenhäusern, befruchtet Ehebetten. Wahlplakate, Slogans, Parolen, Hashtags, Nachrichten, Informationen, Fake News; Worte zum Erklären, zum Überzeugen, zum Verführen. Es wirbt um jeden, bietet sich allen an und dient doch keinem außer sich selbst. Es ist Schaf und Wolf in Einem, Bauer und König, Hure und Diktator. Ich kann mich nicht erinnern: an eine Zeit vor der Diktatur des Wortes. Es kommt Gott so nah wie niemand zuvor, fast kann es seinen strengen Atem riechen. Und vielleicht wird es eines Tages sogar sein Mörder. 



Tag vierhunderteinunddreißig, später 

Deshalb sitze ich jetzt hier also im Wind, seit vierhunderteinunddreißig Tagen, und kratze mich am Arm. Vom dauernden Kontakt mit dem Metall des Gewehres hat er sich an der Ellenbogenbeuge innen entzündet. Ich beobachte die schuppig nässende Haut der Wunde wie ein Wissenschaftler oder ein Archäologe, mit wachsendem Interesse und gleichzeitig zärtlicher Gleichgültigkeit. Seit Wochen habe ich keine Nachricht mehr aus der Zentrale bekommen, keine Anweisung, kein Wort, aber dafür umso mehr Zeit zum Nachdenken; die Stille ist ungewöhnlich, seit der Informationsfluss versiegte. Außer dem verdammten Zug, der durch diese Einöde jagt, der durch keine Bäume und keine Häuserwände aufgehalten wird und dem sich nichts entgegenstellt, ist der Raum, in dem ich arbeite, leer. Und so langsam bekomme ich das Gefühl, dass das auch genau so gewollt ist. Von oben. Wer ist dort oben?

Eigentlich gibt es keine Obrigkeiten mehr, das war ja einst die züngelnde Verlockung: Demokratie durch das Wort. Kollektive Wahrheitsfindung und jeder darf mitreden, Silben als Währung, jeder kann sich bedienen, ist genug für alle da. Aber allmählich entwickelte sich aus dieser kommunistischen Utopie ein Kapitalismus der Rhetoriker, der Texter und Wortgewandten, der Lauten, und man versteht sich nicht mehr. Jetzt werfen wir uns die Sätze hin wie vergammeltes Fleisch und graben in den Ruinen von Babylon nach einer Wahrheit, die es so nie gegeben hat. Das Wort hat sich verselbstständigt, ist übermächtig geworden; inflationär. Es hat auf dem Weg zum Monopol all seine Macht verloren: Babel hat sich selbst zerstreut. 



Tag vierhundertzweiunddreißig

Heute habe ich zum ersten Mal mein Gewehr fallen lassen. Ich hatte beschlossen, mein Gebiet näher zu untersuchen. Irgendwelche Ergebnisse müsste ich doch nach Hause bringen, dachte ich panisch beim Aufstehen. Ein paar Daten, eine Handvoll aussagekräftige Erde, zumindest einen Bericht, ein Körnchen Wahrheit? Es kommt mir seltsam genug vor, Soldat zu sein, direkt an der Front, und nie auf den Feind zu treffen. Nur Himmel und Erde strukturieren mein Feld, getrennt durch diese eine feine Linie, die immer den Anschein macht, als wäre es möglich, sie zu überschreiten. Außer dem Wind, der manchmal leise pfeift und mir sonst geräuschlos über den Körper fährt, höre ich nichts. Die Stille ist ohrenbetäubend. 

Ja, der große Knall, als meine Waffe auf die frostharte Erde stieß, war vielleicht das erste Geräusch seit Beginn meiner Dienstzeit. Als ich mich bückte, um es aufzuheben, fiel mir auf, dass der Boden unter mir von feinen Rissen durchzogen wurde, Linien, die mich an die Aufzeichnungen eines Seismographen oder eines EKG erinnerten. Erst dann wurde mir klar, wie symptomatisch diese Vergleiche für unseren Zustand sind, die wir am Wort kranken: Wie wir uns mit der Zeit angewöhnt haben, Ausdruck auf Ausdruck zu schichten und zu stapeln, Metaphern übereinander zu ziehen wie Kleidung an einem kalten Wintertag, als hätten wir Angst, ohne die schützende Speckschicht der Worte plötzlich allein im Wind zu stehen, zitternd und nackt. Ich sah mich um: Mich fror tatsächlich. 



Tag vierhundertdreiunddreißig

Meine Felduntersuchung konnte also letzten Endes ziemlich schnell – und zugegeben recht stümperhaft – durchgeführt werden, und das lag nicht nur daran, dass mir immer kälter wurde und der silbrige Frost der Flinte meine Finger steif werden ließ, mein Blick wanderte von einem unbestimmten Punkt bis zum nächst denkbaren, irgendwo im Hintergrund meinte ich den Grundriss eines Baumes zu erkennen, ich notierte: Der Raum ist leer. Jetzt, wo ich es zum ersten Mal ausgesprochen habe, wird mir erst das Ausmaß dieses sprachlichen Hohlraums bewusst; überall lockte mich sonst immer etwas mit krummen Fingern, mal war es ein Schriftzug, mal eine Rede, manchmal auch nur ein einziger Satz, der ein Parteiprogramm oder das Patent einer Liebesfähigkeit beschwor, im Grunde ist jedes Wort, auch das private, nur noch Werbung, Reklame für die eigene Wahrheit in der Wahlurne eines anderen. Wir halten uns an Worten nicht mehr fest – wir hängen uns an ihnen auf. Davon ist in diesem Raum nichts mehr, nichts verhindert, dass sich mein Blick nach innen richtet. Ich blicke auf mein Gewehr, unbenutzt seit vierhunderteinunddreißig Tagen. Die kleine Öffnung im Lauf starrt schweigend zurück. Bin ich, in der Uniform eines Soldaten, endlich frei?

Doch Freiheit, das merke ich ziemlich schnell, ist verunsichernd. Wir haben lieber falsche Wahrheiten als Ungenauigkeiten, lieber Fake News als sokratische Apologie. Diesen Krieg haben wir also selbst verschuldet, das Wort war immer nur Beihelfer: Es versucht Gefühle in Gedanken zu übersetzen, zwängt Vages in Gewissheiten, ja, es arbeitet ohne Skrupel – aber wir haben die Fäden in der Hand. Haben wir den Laut erst domestiziert, und dann vergewaltigt? So zogen wir damals der Musik den Strick der Sprache um die Kehle und seitdem verstopfen wir uns mit hohlen Phrasen den Hals. Man drückt den Menschen ein Instrument in die Hand, und für einen kurzen Moment fühlen sie sich frei; dann gehören sie ihrer Waffe. Ich stelle mir vor, dass die Welt vor dem Wort ähnlich dalag wie mein Gebiet: Weit und schweigsam, wie eine offene Wunde. 



Tag vierhundertfünfunddreißig

Stattdessen dieser Krieg, und wir mittendrin. Sie holen mich jetzt zurück, gestern habe ich es erfahren. Anscheinend ist mein Job hier erledigt. Ich bin inzwischen überzeugt: Das war kein richtiger Einsatz. Vierhundertfünfunddreißig Tage und kein einziges Mal habe ich meine Waffe benutzt. Und doch war ich Soldat, direkt an der Front: Ich arbeitete als Späher und Steuer in der Stirn, stationiert am vorderen Ende der linken Großhirnhemisphäre eines so hungrigen wie maßlos übersättigten, eines freien und dabei unendlich verlorenen, kurz eines ganz gewöhnlichen Menschen. Ich sollte die Wahrheit ausmessen und in einem detaillierten Frontbericht aufschreiben. Was wollt ihr jetzt von mir hören? Ich habe nicht viel herausgefunden, außer dass man ein Gewehr am besten mit Öl und etwas lauwarmen Wasser wäscht und dass es keine Wahrheit gibt, sondern nur unendlich viele Übersetzungen davon. Ich notiere einen letzten Satz in mein Notizbuch: Sprache ist ein Schlachtfeld. Dann setze ich mich hin und warte. 

Bald kommen sie mich holen. Es weht wieder wie am ersten Tag, mein Ausschlag ist noch nicht ganz verheilt und brennt im Wind. Ich atme in den Schmerz und vergesse mein Gewehr. Der Krieg wird wahrscheinlich weitergeführt, jedes Haupt an seiner eigenen Front, aber ich will dieses semantische Fressen nicht mehr, ich habe es satt und einen Beschluss gefasst, es ist ein Versprechen – und ich werde es halten: Das ist mein letztes Wort.



Bild: Steve Shapiro, "The Worst is Yet to Come", Muhammad Speaks Newspaper, New York City 1968

Wednesday, August 02, 2017

Kurze Geschichte des Fehlers.

Der Fehler steht am Anfang der Menschheit. Er ist der Grund, wieso wir in Massentierhaltung produziertes Kalbsfleisch essen, schlechtes Gewissen abgepackt in schwitzende Folie unter verzweifelt um ideale Ausleuchtung bemühten LED-Stäben, Fett und Leber statt Milch und Honig, aber um 30 Prozent reduziert, und wieso wir uns nur noch ausziehen, wenn man den Anderen anmacht oder die Lichter aus. Der Fehler prangt als Dellen und Male auf der Haut der Menschen, zieht sich als Lücken und Verdrängtes durch ihre Biographien und wird nicht nur in ihre in Südostasien hergestellte Kleidung, sondern in ihr ganzes Wesen eingenäht.

Mit dem Fehler fängt es also an. Ohne ihn gäbe es keine Geschichte; das Alte Testament beginnt mit einem Fehler (und dem Fall). Wenn etwas reißt, vielleicht so wie Adam den Apfel vom Baum brach, den Ast ein bisschen beschädigt, das Blätterwerk zerwühlt, wenn aus einem Ganzen ein Teil wird und aus einem glatten Feld eine Kerbe – dann kommt der Stein ins Rollen. Wie eine Insel hebt sich der Fehler aus dem flachen Ozean der Unschuld und des Nichts, formt Küsten und Grenzen; gebiert Packeis, an denen Schiffe brechen, Häuser und Willen. Die Erfindung von Eis am Stiel liegt einem Fehler zugrunde: Frank Epperson war elf Jahre alt, als er in einer Winternacht ein Glas Limonade mit Löffel vor dem Fenster vergaß. Das Patent von 1923 beschert gefrorenes Pappeis mit Zucker, ein Versehen zum Ablecken. Auch die Entdeckung von Penicillin, Viagra oder Dynamit waren Fehler, allenfalls Zufälle. 

Und für uns war es auch so. Irgendwo schleicht sich immer Dreck ins Getriebe, und wir wollten ihn ja auch, den Schmutz, wollten körniges Chaos statt klinische Gefühle, die man im Doppelpack unter Neonstoffröhren kauft, zugeschnitten und abgepackt, unbenannt; ja, wir wollten es so. Ist das also das Leben, zu dem wir verdammt sind, die kurze Steißgeburt eines Fehlers, alles ist verdreht - und dann nichts als Korrekturen?

Weil wir also alle Fehler machen, aber jeder einen anderen, stolpern diese Fehler übereinander, bringen sich gegenseitig zu Fall und lassen keinen anderen Schluss zu als das Ende


Bild: Google Maps (Mistake Island, Mount Waddington A, British Columbia, Canada)

Saturday, May 06, 2017

Bitte München, werde endlich mal richtig krank.

Wenn ich an München denke, kriege ich das Gefühl, jemand schnürt mir die Luft ab; legt mir die Hand auf die Kehle und drückt zu. Aber genau so, dass immer noch ein kleiner Stoß Sauerstoff seinen Weg in die Lunge findet – gerade so, dass es zum Leben reicht. 

München hat die besten Ärzte, ist aber klinisch tot. Wird beatmet von Lifestyleblogs und Pop-Up Stores, die nicht wissen, dass sie alles nur noch schlimmer machen und zwangsernährt von Wirtshäusern und Bierhöllen, weil das eben schon immer so war. Tradition ist nicht immer Tugend, sondern manchmal einfach Einfallslosigkeit. Neulich war ein Freund aus dem Québec zu Besuch in München, wir hatten Glück mit dem Wetter, ich kaufte ihm Pommes von der Gute Nacht Wurst (Bergwolf hatte zu) und Augustiner vom Reichenbachkiosk, wir setzten uns an die von Ausschwärmern vollgespülte Isar und hielten Bier und Füße ins klare Wasser. Er war begeistert, ich dann auch; München hat seine Momente. Aber dazwischen ist das Leben dort ein einziges Wachkoma, eine Stadt wie ein Sedativum. 

Man kann sich nicht einmal gepflegt darüber aufregen, leidenschaftliche Hasspamphlete schreiben wie über die schlachtschiffgraue Hässlichkeit Berlins oder die Menschen in Paris; gegen München zu hetzen ist meistens genauso frustrierend wie die Stadt selbst, die glattgeschleckten Wände der Residenz bieten kaum Angriffsfläche. Wehren sich mit penibler Sauberkeit gegen jegliche Art von fundierter Kritik – München tut dir ja nix. Es ist fleckenlos, wohlhabend und sicher; es hat genau so viel Kulturangebot, um nicht als brach zu gelten, und alle paar Monate macht eine neue Gin Bar auf, weil es unter Lehramtsstudenten jetzt sehr hip ist, auf viel zu kleinen Holzstühlen Dinge zu degustieren, von denen sie nicht betrunken werden. Es ist schwer, gegen diese abartige Vorbildlichkeit anzuschreiben, Max Scharnigg hat es trotzdem geschafft, aber die meiste Zeit trägt München Gore-Tex. Das hilft gegen Regen und Alpenfön, und ist so praktisch wie unschön. Aber Hauptsache nicht krank werden.

Und vielleicht ist das das Problem: München ist nicht krank. Dabei bräuchte es genau das. Muss ja kein Krebs sein, aber zumindest mal eine richtige Erkältung; auf jeden Fall irgendwas mit Fieber. Denn eine Stadt lebt wie eine Existenz davon, dass Dinge passieren, Beulen aufbrechen, Nähte platzen und Wunden zuwachsen. Von Brüchen und Narben. Von Exaltation und Verfall. Aber in München, wo Ekstase in die SAUNA passt, wo Rebellion beim Ordnungsamt angemeldet wird und das Leben wie ein renaturierter Fluss ohne Strom vor sich hin mäandert, ist alles nur noch von Markt und Maschinen beatmeter Stillstand. 

Ist das alles jetzt sehr subjektiv, befeuert von einem individuellen Stadtkomplex und der Tatsache, dass ich in wenigen Wochen mit dem größten Widerwillen aus Paris ziehe? Bestimmt. Ist das alles übertrieben, aufgepeitscht, an den Ecken geschärft, um erstens als definierter Text zu stehen und zweitens kantenlos Teil einer Polemik zu werden? Sicher. Aber dann denke ich wieder an München und fühle die Wände näher auf mich zukommen. 

München ist eine Kreuzung aus Pleasantville und Schöner Neuer Welt: Es passiert nichts wirklich Schlimmes, und nichts wirklich Gutes; aber das ist nicht die Definition einer Stadt mit Puls. Städte müssen dich kaputtmachen, zu Boden zwingen und dann wieder in den Himmel werfen, sie müssen dich anzünden und manchmal verbrennen; München liegt seit Jahren in seiner eigenen Asche und raucht im Biergarten vor sich hin, eine Stadt in dörflicher Benommenheit. Nicht wirklich gesund, aber auch nicht wirklich krank: chloroformiert, anästhesiert, ruhiggestellt. Örtlich betäubt. Was wir haben, ist ein Koma; was es braucht, ist eine Krise. 

Bitte München, werde endlich mal richtig krank. Dann komm ich dich auch besuchen. 




Bild: privat (seltenes Münchner Kammerflimmern, Mai 2016)

Thursday, March 30, 2017

Das Gebiet hat kein Gedächtnis.

erschienen im Sammelband der Shortlist für den Schreibwettbewerb "Text and the City" (astikos Verlag)

"Egal, wo ich bin, ich muss nur die Augen schließen und schon sehe ich alles vor mir, wie das Relief auf einer Karte: Ich sehe eine schattige Straße, schwer von Häusern, und einen Kartenladen am Ende, dort, wo die Straße auf die nächste trifft und hell wird und laut. Der Boden riecht warm vom Abfall, vermischt sich mit dem Fischgeruch vom Markt ein paar Meter weiter, und ich halte die Luft an. Ich sehe einen kleinen Park, ein größeres Viereck mehr, mit Bäumen und Bänken im Schatten. Männer, die Boule spielen und junge Väter, die ihre Kinder in die Luft werfen, gut aussehende Väter, Tauben. Spieler, Flaneure, Irrende, Durchgänger. Ich sehe den Geldautomaten, der leicht knistert, wenn er die warmen Scheine ausspeit, und daneben eine obdachlose Frau, nicht älter als Dreißig. Sie hat ein Kind im Arm und immer sind sie in ein Dutzend Lagen gehüllt, auch wenn es sehr heiß ist und ich auf dem Weg in den Park. Als ob sie sich vor etwas schützen wollen. Oder kein Ärgernis erregen wollen bei den schicken Bürgern; jeder, der hier nicht am Boden liegt, ist Bourgeoisie. Leute, die mit nackten Beinen über andere steigen und sich an ihrem Sonntag gestört fühlen, wenn ihnen ein Bettler beim Geldabheben zuguckt. Ich sehe Taubendreck auf dem Boden, von Schuhen zerkratzt, und das kleine Kino an der Ecke, in dem sie Filme aus den Dreißigern zeigen. Ich sehe eine leere Küche, einen verlassenen Schreibtisch, eine einsame Matratze. Ich sehe Paris. 

Es steht immer noch der gleiche fette Mann hinter der Bar, kaum gealtert. Er zapft mir ein Bier, nimmt meine Kreditkarte, ich setze mich ans Fenster, das von einem schweren Vorhang geknebelt wird. „Kann ich mich setzen?“, fragt eine Stimme neben mir, und noch bevor ich denken kann, sowas passiert doch nur in Filmen oder Texten, die plötzliche Erscheinung eines prophetischen Charakters als handlungstreibendes und augenöffnendes Moment, ich habe es selbst schon genau zu diesem Zweck benutzt, bevor ich das also denken kann, habe ich schon mit meinem großen Zeh den Barhocker neben mir ein wenig zur Seite gerückt. Ich stoße halblaut etwas Zustimmendes hervor, nehme einen tiefen Schluck von meinem Bier und erlaube mir erst dann einen ausgiebigen Blick auf die Person neben mir: Schneeweiße Haare, erstaunlicherweise frei von diesem öligen Gelbstich, wie ihn Säufer und alte Leute sonst meist dulden, Adern, die sich wie Schlangen um schmale Handgelenke winden und eine große, etwas zu weit nach links gerutschte Nase: Ein klassischer Franzosenzinken. Eine Charakternase, wie man in der Familie sagen würde; in einer dieser Familien, in der man sich darauf geeinigt hat, eine gewisse Hässlichkeit umzudeuten, indem man sie zum Distinktionsmerkmal erklärt. Sie hängt in seinem Gesicht wie eine Sehenswürdigkeit, groß und eisern. Nicht unbedingt schön, nicht einmal besonders imposant; aber einfach da. Schweigend und stolz. Ich proste der Nase zu, sie bestellt auch ein Bier, ein belgisches, wir trinken schweigend. Die Nase wohnt im Gesicht eines älteren Mannes, einer dieser typischen Männer, die zu verrottet aussehen, um ein geregeltes Leben zu führen – wer tut das schon –, aber zu gepflegt, um in den Untergründen der Metro zu hausen; diese Männer tragen draußen Mantel und Fahne und in ihren Augen die Weisheit dieser Welt, meistens französische Literatur 16. und 17. Jahrhundert. Viele dieser Männer sind ehemalige Professoren. 

„Die Stadt erinnert sich nicht“, sagt die Nase plötzlich. Ich setze mein Bier ab. „Ich dachte mir nur“, er deutet auf mein Notizbuch, „du bist sicher einer dieser Menschen, der vor ein paar Jahren neu hierhergekommen ist; du hast diese Stadt an dich gerissen und zu deiner gemacht, und jetzt wandelst du auf dem Kopfsteinpflaster als wäre es Samt und trinkst Erinnerungen wie Frischgezapftes.“ Ich gucke etwas erschrocken, wohl auch wegen der unerwarteten Poetik dieses Schwalls, die Nase grinst: „Literaturprofessur, 1994. Doktorarbeit über Montaigne.“ Natürlich. „Ich kenne euch Leute. Ich habe euch unterrichtet. Scheiße noch eins, ich war selber mal einer von euch. Aber jetzt bin ich der, über den ihr sonntags beim Geldabheben stolpert, auf dem Weg zum Park. Ich bin der, der euch versucht, irgendetwas zu verkaufen, Zeitungen, Rosen, Taschentücher, während ihr in der Metro sitzt, euch am Hals rumleckt und den Mann mit den Zeitungen, mit den Rosen und den Taschentüchern später als Nebendarsteller in eure Geschichte schreibt. Ich war da, bei deinen großen Momenten in dieser Stadt: Du standest auf der Brücke, ich lag unter ihr. Du lagst im Park, ich stand vor dem Zaun. Du hast die Stadt gekerbt, mich hat sie wieder geglättet. Ich bin immer da: Aber man übersieht mich.“ Er hält kurz inne, vielleicht um nachzusehen, wie ich die Nachricht aufnehme: Mein Glas ist leer, der Blick glasig. Ich habe die ganze Zeit nichts gesagt, ich habe mich nicht verteidigt, wie auch, das Notizbuch ist unser Zeuge. Paris ist unser Zeuge. Die Nase hat mir (nicht) die Augen geöffnet: Dass man seiner eigenen Stadt egal ist, sieht man allein schon am Wetter. Dass Paris für mich das Epizentrum meiner Biographie ist und für andere nur eine Agglomeration mit unzureichendem Gesundheits- und Sozialversicherungssystem, war ebenfalls zu erwarten. Die Nase und ich wohnen im selben Gebiet; aber wir teilen nicht die gleiche Karte. 

Einen Menschen erkunden wie eine Karte, sein Leben durchkreuzen wie ein fremdes Land. Und immer das bleiben: ein Fremder. Einer, der besichtigt, ohne Teil davon zu werden; der Mauern berührt, ohne sie abzureißen und Türen immer zweimal öffnet. Einer, der am Ende immer geht. Zurückkehrt. Und der sich mehr an das fremde Gebiet erinnert als das Gebiet an ihn; das Gebiet hat kein Gedächtnis. 

Er saß am Küchentisch, wie immer, wenn ich heimkam. Ich schaute ihm einmal fest in die Augen, beinahe betäubt von der plötzlichen Gewissheit, oh du süßes Opium: „Du bist mein Paris“, sagte ich in sein Gesicht, dessen Gebiet ich niemals besetzen würde."



Friday, February 24, 2017

Der postmoderne Urschrei.

Manchmal würde man gerne schreien, den Mund aufreißen und schreien und schreien, schreien wie noch nie ein Mensch geschrien hat, hilflos und primitiv, irrsinnig; man will sich vokal häuten, sich die Existenz vom geschundenen Leib schreien, eine Art Urschrei, wüst und animalisch, sich die sauberen Fesseln vom Körper reißen, man will einfach nur mal richtig schreien, und dann reißt man den Mund auf und sagt „Danke, ich würde gerne mit Karte zahlen“.






Bild: privat (Urschrei in Schottland, November 2016)

Wednesday, January 11, 2017

Ein Mensch wie jeder andere.

 
"Herr P. war ein Mensch wie jeder andere: Er wurde geboren und dann wuchs er und verfaulte und irgendwann hielt er sich nur noch am Leben wie eine eigensinnige Maschine. Morgens und abends Tabletten in eine gähnende Mundhöhle, jede Existenz weniger eine bewusste Entscheidung als eine Art automatisierter Vorwärtswille.

„Bin gleich wieder da“, stand auf seinem Spiegel, der Strich vertrocknet (Perfect Slim Eyeliner von L’Oréal in Intense Black) und nur noch als schmieriger Film lesbar. Bin gleich wieder da. Das war jetzt dreizehn Jahre her. Ziemlich wahrscheinlich konnte man die Schrift auch gar nicht mehr lesen, vielleicht hatte die polnische Nachbarin das Glas längst gewischt, aber er wusste es, und das reichte. Mit zittrigen Fingern tastete er nach der Tablettenschachtel im Spiegelschränkchen, warf die Dose Rasierschaum um, blickte nach unten, auf seine Hände, würgte den alten Ekel vor seinen gelben Fingernägeln. Er war lange Raucher gewesen. Jetzt nicht mehr; jetzt trank er große Mengen Wasser und schied scheinbar noch größere Mengen wieder aus, was ihm beunruhigend schien, aber er traute sich nicht nachzufragen. Er ernährte sich von Kartoffeln, die sollten ihm Kraft geben, gute deutsche Kartoffeln, und püriertes Obst, das sollte die Verdauung unterstützen, und Tabletten; die sollten ihn überhaupt am Leben halten. Sagten die Schwestern. Und er dachte, das Einzige, was mich am Leben hält, ist diese beschissene Pumpe, die einfach nicht aufhört halbherzig zu arbeiten. Herr P. wäre schon längst fertig.

Er war ein Mensch wie jeder andere: Man wird geboren und dann wächst man und verfault und irgendwann wartet man nur noch auf das Ende. Zwölf verschiedene Tabletten musste Herr P. jeden Tag einnehmen, jeweils zwei kreisrunde und zwei längliche morgens, vier mittags und den Rest abends. Er ließ sich ein großes Glas mit Wasser volllaufen, entließ ein gutes Dutzend Tabletten aus ihrem benutzerfreundlich gestalteten Gefängnis und schluckte: Bin gleich wieder bei dir. Ob sie sich trafen? Zuerst kam der Husten. Dann die Schwestern."
 

 


Friday, October 21, 2016

Fall, der.

"Ich könnte jetzt erzählen, wie ich nach dem Fall so am Boden lag, die starren Augäpfel in einen sixtinischen Himmel gerichtet, während das Leben in tonlosen Filmschnitten an mir vorbeizog und Passanten schreiend um mich herumliefen, die Mutigen sich niederknieten und den Blutstrom aus meinem Hinterkopf mit ihrer Jeansjacke stoppten und die Feigen ein bisschen gafften in ihrer Hilflosigkeit, ich könnte also erzählen, wie ich da am Boden lag, auf dem Rücken und ein Bein ganz komisch abgewinkelt, weil sie das im Fernsehen so machen, und von oben auf mich selber herunterschaute. Ich könnte das jetzt erzählen, weil ich tot bin und euch erzählen kann, was ich will und weil ich genau weiß, dass ihr das hören wollt, wenn man das eben in jedem Film so zu sehen bekommt und verdammtnochmal, wenn man schon sterben soll, dann kann es ja ruhig auch ein bisschen dramatisch sein. Rückwärts hat man Narrenfreiheit - aber nachdem ich mein ganzes kurzes Leben lang gelogen habe, bis ich selber nicht mehr wusste, ob ich mir eigentlich über den Weg trauen kann, habe ich eines gewittrigen Mittwochs beschlossen, mich quer auf diesen Weg zu legen und von einem Siebentonner der Marke Magirus Deutz überfahren zu lassen.

Und deshalb verschone ich euch mit dieser Nicholas-Sparks-Scheiße und sage euch mal, wie das wirklich ist mit der Schwäche und dem Tod: Es ist nicht lustig. Und hat nichts, aber so wirklich gar nichts, Glanzvolles an sich. Am Ende reduziert sich alles auf die niedrigsten Körperfunktionen und selbst das wird in den Storys immer würdevoller dargestellt als es wirklich ist. Wenn man vom Auto angefahren wird, pinkelt man sich in die Hose und im schlimmsten Fall ist man schon wieder bei Bewusstsein, wenn der Notarzt kommt, und muss mit klebrigem Unterleib selber zum Seitenstreifen humpeln. Ihr wollt zu sehr das Drama, ihr verstörten Seelen.
Am Ende vergisst man das Fallen; das Aufschlagen bleibt für immer."






Bild: privat (Marrakesch, September 2016)
 

Monday, August 15, 2016

Jeremiah oder Auch ein Drogenabhängiger mag kein Heroin.

erschienen in der 17. Ausgabe von Das Prinzip der sparsamsten Erklärung

frei nach Albert Camus

"Eines Tages wachte Jeremiah mit Ruhepuls und gemäßigtem Blutdruck auf und wusste, er hatte ein Problem. Jeremiah war, das sollte man klarstellen, kein wehleidiger oder pathetischer Teenager, sondern ein gestandener Mann und hatte in seinem 21089 Tage kurzen Leben seinen gerechten Anteil an Kämpfen gekämpft. Er kannte Krankheiten und Abhängigkeit, er war geschieden und gebrochen, dreimal am Herz und einmal in der linken Kniescheibe - auf einer Reise in Kambodscha -, er wurde mehrmals operiert (an der Kniescheibe, für das Herz hatte man in der Klinik keine Geduld und wenig kardiale Kapazitäten) und einmal inhaftiert. Er hatte sich hoch und tief verschuldet und Gerichtsprozesse verloren. Er war im Laufe seines kläglichen Daseins durch nicht weniger als vier existentialistische Phasen gegangen und hatte in jeder einen Teil von sich gelassen. Er war immer bereit gewesen, sich den Absurditäten des Lebens zu stellen. Aber jetzt, als er in seinem sauberen Bett lag und friedlich vor sich hin atmete, wusste er, er war definitiv am Arsch: Er war glücklich.

Nun ist das für die meisten Leute kein Grund zur Beunruhigung, das hohle Gefühl ständiger Zufriedenheit anfangs höchstens ein bisschen befremdlich, aber der Mensch gewöhnt sich ja an alles. Doch für Jeremiah kam diese Leichtigkeit einem endgültigen Todesurteil gleich: Er hatte in seinem ganzen Leben alles von Wert aus Schmerz gezogen. Er brauchte den Schmerz, um gegen ihn anzukämpfen, er brauchte das Gefühl, ganz alleine zu sein mit ihm und das Gefühl, es nie mehr sein zu wollen. Schmerz hat immer das erste Sagen, dann kann man sich an ihm abarbeiten; mit dem Schmerz fängt alles an. Und solange er durch seine Adern rollte, gehörte der Schmerz ganz ihm. Er hatte sie immer gehasst, aber er konsumierte seine Qualen wie ein Junkie den Schuss. Auch ein Drogenabhängiger mag kein Heroin. Aber unglücklich sein, Apathie bis zum Absinth, Verzweiflung und Wut, das war seine Sache, das konnte er gut. Wir dürfen uns Jeremiah nicht als einen unglücklichen Menschen vorstellen.

Und da lag er jetzt auf der sauberen Bettwäsche wie in einem zerschossenen Kriegsgebiet und fragte sich, wie um aller Welt er hierhin gekommen war. Er hatte hier immer hingewollt, klar, es war sein Ziel gewesen – aber er hatte sich verdammt Mühe gegeben, es nie zu erreichen. Er stand auf, selbst das ging ohne Schmerzen. Prüfend klopfte er auf sein linkes Knie, das kaputte; es hielt stand. Jeremiah blickte auf seine Hände, die ruhig an seinen Armen herunterhingen wie Blätter von knochigen Ästen, kurz bevor der Sturm kommt: kraftlos, aber gefasst. Dann nahm er seine Fingerknöchel, steckte sie sich in den Mund und biss einmal kräftig zu, als würde er in einen sauren Apfel beißen. Es zwickte und fing leicht an zu bluten, aber Jeremiah war nicht zufrieden. Das würde ihm nicht den Arsch retten, sich jeden Morgen in die eigene Hand zu beißen wie ein Verrückter; er wollte ja nur seine Qualen zurück, nicht die alte Peinlichkeit. Beinahe leichtfüßig schleppte er sich ins Bad. Er betrachtete die weißen Porzellanschüsseln, die Armaturen aus Stahl, die passenden Handtücher, alles gemeinsam gekauft wie ein statistisches Ehepaar, und wich dem Blick der Kloschüssel aus, die ihn jeden Morgen anblickte wie kalkgewordener Verrat - man hatte ihm den Fels genommen und an seinen Platz ein spülrandloses Becken aus Keramik gestellt. Jeremiah öffnete das Badschränkchen, wich auch dem Blick im Spiegel aus, und klappte sein Gesicht so schnell wie möglich auseinander. Hinten rechts in der Ecke fand er eine neue Packung Rasierklingen, steril durfte er schon sein, der Schmerz, nahm eine aus dem Plastik und zog sich damit einmal über den Unterarm.

Es gibt ja diesen Test: Man zwingt Menschen auf einen Stuhl und lässt sie eine Viertelstunde in der Wüste ihrer Gedanken allein. Viele finden es unerträglich; man gibt ihnen die Möglichkeit, die Langeweile zu unterbrechen – mit einem Stromschlag. Die Ergebnisse sind schockierend. Und nichts anderes ist das Leben: ein leeres Zimmer mit einem Stuhl in der Mitte. Jeremiah wählte den Strom."


Bild: Elijjah Hail unter cc0 1.0 

Wednesday, June 15, 2016

Anders war ein Adjektiv.

Seit Beginn der linguistischen Zeitgeschichte waren alle Wörter eigentlich immer ganz zufrieden gewesen mit dem, was sie waren. Natürlich hatte jeder mal einen schlechten Tag und klar wäre gut manchmal gerne besser gewesen, aber dann sah gut sich Dokus im Kabelfernsehen an und als ihm dann bewusst wurde, dass Krieg und Hunger jawohl noch viel schlimmer dran waren, überhaupt die meisten Substantive, da war es dann doch ganz zufrieden. Nur ein Adjektiv fühlte sich ständig ausgestoßen; und nicht mal ausgestoßen wollte mit ihm reden, es hielt sich für etwas Besseres, klarer formuliert. Es war ein kleines Scheißleben: anders zu sein.




Bild: Toffee Maky (flickr.com) unter cc by-sa 2.0

Wednesday, April 27, 2016

Hunger.

zuerst erschienen im Mucbook-Magazin No 5 (Oktober 2015)

„Ich laufe durch einen Wald der Apathie, unter mir knacken die Äste mit müden Knöcheln. Von meiner Faust tropft eine wächserne Flüssigkeit und mein Magen knurrt wie der Bär, den ich damit manche Abende vergeblich jage. Statt Bäumen flirren hier Strichcodes unter hellwarmen Halogenstreifen, langsam taste ich mich vorwärts, einen dunklen Abgrund im Leib, die Lichtung ist das Kühlregal. Jeder Tag ein taumelnder Tanz durch das Alphabet der Selbstbespiegelungen – von Akzeptanz bis Zerrissenheit und wieder zurück und dazwischen liegt oft nur ein Bissen hektisch produzierten Billigfleischs, Hähnchenschenkel, 400 Gramm für 2,99€, heute im Angebot (!).
 
Manche Leute sind nie satt. Ich kann nach einem Abend unter Freunden mit der U-Bahn nach Hause fahren, den sauren Schweiß der anderen einatmen, aber versuchen es nicht zu tun; ich kann also durch einen kleinen Schlitz im Mund Luft holen und von innen dabei zusehen, wie ich zwischen den speckigen, kotzbraunen Ledersitzen der vollen U6 zusammensacke und schrumpfe, vielleicht noch kurz zucke - ich bin eine Schnecke, die über Salz geht. Ich kann täglich tausendundeinen Gedanken jonglieren, gut, manchmal fällt mir auch einer runter, so wie jetzt, aber wenn ich den Mund aufmache, kommt nur warme Luft raus und ein Schinkenbrot wieder rein. Ich will so viel sagen und bleibe doch stumm. Mit diesem hohlen Schmerz unter der Bauchdecke, der danach schreit, den Kopf in den Nacken zu legen und das Leben auszutrinken wie einen Shot Vodka.
 
Mein Leben ist wie das Fragment einer großen Geschichte, ich schreibe hundert Anfänge und einige Enden, aber nie den Mittelteil. Obwohl ich das weiche Mittelstück einer Brezn am liebsten mag, aber darum geht es hier nicht. Oder gerade doch? Manchmal kreist mein kopfsteingepflasterter Tagesablauf nur darum, was ich am Abend kochen soll. Ich denke darüber nach, während ich mir von einem Bildschirm die Augen tränig kratzen lasse, ich denke darüber nach, wenn ich Straßen und Plätze ablaufe und vor allem denke ich darüber nach, wenn ich meinen Löffel in Tiramisu tauche und das Kaffeepulver vor meiner Nase aufstäubt wie eine schwarze Lawine. Manchmal nehme ich den Ausdruck „hungrig sein auf das Leben“ ein bisschen zu wörtlich, ich hatte einmal diesen Albtraum, aufzuwachen und festzustellen, meine Wohnung ist nicht mehr da - weil ich sie aufgegessen habe. Ich habe einen Tisch in meinem Apartment, aber sitze nie daran. Die Tischdecke habe ich neu gekauft, sie riecht nach Fabrik und Plastik, und Fertiggerichte aus der Mikrowelle schmecken auch so, deshalb esse ich immer vor dem Fernseher und schaue die Gabel nie an. Großstadttristesse ist ein alter Hut und trotzdem tragen ihn so viele.“ 



Bild: Daniel Parks (flickr.com) unter cc by-nc 2.0

Sunday, April 03, 2016

Mama Palästina.

Al-Walaja, März 2016.

Wie soll man eine Geschichte erzählen, die ohne Worte auskommt?

Als wir den Berg hinaufkriechen, nach Har Gilo und weiter ins Dorf hinein, erst mit einem freundlichen Ranger aus der Gegend, der uns über die Grenze rettete, und dann in einem Taxi mit zwei Arabern im Turban und einer leise vor sich hin stöhnenden Muslima neben mir auf dem Rücksitz, nachdem uns die Polizei aus ihrem Autofenster heraus fotografiert hat, um sicherzugehen, dass das weiße Mädchen mit den blonden Haaren wirklich freiwillig nach Al-Walaja fährt, erzählt man uns später; als wir uns also die Berge Palästinas hochwinden und ich einfach nur noch ankommen will, habe ich noch meine Sprache. Ich verliere sie erst im Laufe des frühen Abends, als das Arabisch um mich herum zunimmt und alles verschlingt, was irgendwie vertraut klingt, und nach dem Abendessen aus viel Reis und gerösteten Mandeln und glänzendem, dunkel gewürztem Hühnchen, während ich allmählich mit dem grauen Plastiktisch in der Mitte des Wohnzimmers verschmelze und mir langsam immer weniger aus dem Mund fällt, als schöben sich die Wörter mit dem fettigen Essen zusammen in meinen Gaumen zurück, bin ich dann verstummt. Bin erst noch ein Kind, das selber nickt und irgendwann ein Möbelstück, das nur noch verrückt wird; im Passiv. Ob ich mitkommen will, die Cousine von der Arbeit in Bethlehem abholen, fragen sie mich, Nein danke, sage ich. Ich brauche nicht mehr viele Worte dafür, vielleicht schüttele ich auch einfach nur noch den Kopf.

Und dann sitze ich mit der Tante vor dem kleinen Heizkörper auf dem Teppichboden im Wohnzimmer, wir halten uns die Hände vor die glühenden Stäbe und dann fangen wir einfach an zu reden. Sie Arabisch und ich absurderweise Englisch, als ob sie das besser verstünde. Sie macht mir Minztee, eine Art Übersprungshandlung, wie später jedes Mal, wenn wir uns was sagen und nicht verstehen; dann brüht sie einfach Wasser auf, weil, wenn sie eines verstanden hat, dann dass ich verdammt gern Minztee trinke. Sie liest mir aus dem Koran vor und ich meine, dass sie versucht hat, mir in zehn Minuten den Islam zu erklären und irgendwann fängt sie an zu beten und singt mir laut ins Gesicht. Es ist etwas befremdlich, die Worte Allahu akbar, die ich nur aus Terrormeldungen und Attentatberichten kenne, von Fratzen, die mein geliebtes Paris und die ganze westliche Lust in die Luft sprengen wollen, so rausgerissen und lose zu hören, aus dem freundlichen Lachen einer Frau, die mir Tee macht wie eine Mutter. Aber ich schlucke alles; versuche mal, was wir alle viel zu selten machen: Worte aufzunehmen statt sie einfach nur auszukotzen. Dann deute ich auf das Buch, das ich für die Reise mitgebracht habe, von einem israelischen Autor, und sie betrachtet staunend die Buchstaben, und ich muss lachen, dass sie denkt, es wäre Englisch, bis mir auffällt, dass auch ich Persisch nicht von Arabisch unterscheiden könnte. Manchmal verstummt Sprache; hat nichts mehr zu sagen. Und so nähern wir uns an wie Kinder. Wir werfen uns irgendwelche Fetzen zu, lose Sätze, abgerissene Wörter, manchmal heben wir die Hände und schlagen sie dann über dem Kopf zusammen und lachen, wenn wir gleichzeitig einsehen, dass wir keine Ahnung haben, wovon der andere spricht.
 
Als die anderen wiederkommen, sind wir die besten Freunde.



Bild: privat (Bethlehem, März 2016)
 

Tuesday, February 02, 2016

Für den Rest ihres Lebens.

"Es fing damit an, dass sie beim Pinkeln plötzlich ein Geräusch hörte. Vielleicht nur ein organischer Defekt, ein undichter Abzug. Sie zog ab.

Am nächsten Tag wurde sie von einer Menschenmasse in die nächste geworfen, dann lief sie mit einem Freund nach Hause; er war ihr ungewöhnlich nahe, als sie durch die tiefen Straßen pflügten, sie aßen zusammen und fielen verschlungen ins Bett. Es fühlte sich gut an, nicht alleine zu sein, und sie wunderte sich nicht, einen zweiten Tenor beim Zähneputzen zu hören. Sie wunderte sich auch nicht, als sich das Spiel am darauffolgenden Tag und so den Rest der Woche wiederholte, und stellte keine Fragen, nicht an sich und nicht an die Welt und auch nicht an die Badezimmerfliesen; das Geräusch war wieder da. Sie gewöhnte sich an die subtil vulkanische Wärme seines Atems und den doppelten Herzschlag, mal Dur, mal Moll und immer im Kanon. Sie sah ihn ja nicht immer, in der Arbeit redete sie viel mit den Kollegen und manchmal fuhren sie zusammen mit ihrer Mutter heim, die im Nachbarort wohnte und sich Arzttermine in die Stadt legte, wenn die Langeweile und ein tiefes Stechen, das von einer alten Verletzung am Ischiasnerv rührte, wieder den Rücken hochzog. Erst als ihr nach zwei Wochen und erst erstauntem und dann hektischem Nachrechnen auffiel, dass sie seit diesen zwei und einer weiteren Woche nicht mehr alleine gewesen war, bekam sie Panik.

Das bildest du dir ein, sagte sie sich, das ist purer Zufall. So ist das, wenn man einen neuen Menschen in sein Leben lässt und sozial nicht völlig erkaltet ist, sei doch froh, dass du nicht Frau Berger vom dritten Stock bist – wenn die stirbt, merkt man es erst, wenn’s riecht.

Der nächste Tag war ein Mittwoch und als sie in ihrem Büro saß, umringt von Chefs und Kollegen, Leute über ihr, Leute unter ihr, nichts als Leute zwischen ihr und überall um sie herum, da beschloss sie, etwas auszuprobieren. „Ich gehe kurz in die Teeküche, mag jemand was?“, rief sie halblaut in die Runde. „Ach, ich hab den ganzen Tag schon so Bauchschmerzen, ich hab heute Nacht meine Tage bekommen, der erste Tag ist immer der schlimmste, ich bin so aufgebläht, das glaubst du gar nicht..“, setzte ihre Kollegin an, die nie zu wenig sagte und immer das Uninteressante, „ich komm mit“. Gut, Bianca ist ein Härtefall, das war klar. Kein Grund zur Aufregung. Sie teilten sich eine Portion im Wasserkocher, einmal Früchtetee und einmal Mach-dir-keine-Sorgen-es-wird-alles-wieder-gut-Lindenblüten-Kamille. Doch dann häuften sich die Niederlagen: die Heimfahrt teilte ihre Mutter, das Gesäß schmerzte wieder, dann lief sie mit ihm durch einen schüchternen Regen (Regen, der nicht die Eier hat, anständig zu fallen, und ein armseliges Dasein als humide Luftfeuchtigkeit auf Jacken und Haaren fristet), aß Käse und Trauben und erzählte ihm von diesem Thoreau-Buch, das sie neulich gelesen hatte und wie spannend das Konzept der Einsamkeit doch sei, klingt das nicht befreiend? Fand er nicht. Er schlug vor, zusammen einen Film anzusehen, sie wollte lieber lesen, er dann auch. Sie schlief nicht gut die Nacht, sein Atmen klang jetzt immer lauter, wie ein anrollendes Flugzeug in einer gewitterlosen Sommernacht. Er war kein Schnarcher.

Und sie horchte in den Abgrund der Nacht hinein und in das Echo fremder Atemzüge und merkte, sie hatte erreicht, was sie immer wollte: Sie war nicht mehr allein.
Das Problem war nur: für den Rest ihres Lebens."
 
 
Bild: Sabino Aguad (flickr.com) unter cc by-nc-sa 2.0

Tuesday, January 05, 2016

Der Architekt. (I)


"Eine humide Nacht kriecht heran, als er nach Hause läuft. Auf dem Markt, auf dem sie tagsüber glänzenden Schinken verkaufen und Dörrfisch auf kleinen Holzstöcken, räumen sie gerade die Reste des Tages weg. Eine rundliche Frau in speckiger Schürze wäscht ihre Plastikkisten mit einem Schlauch ab und er würde sie gern fragen, ob es das ist, was sie sich für ihr Leben vorgestellt hat. Es sollte gar nicht prätentiös klingen, eigentlich gibt es nichts Erfüllenderes, als hungrigen Menschen richtig guten Käse zu verkaufen, den ganzen Tag an der frischen Luft zu stehen und abends Erschöpfung bis in die Rippen zu spüren. Keine Zweifel und kein Druck, keine Leere und kein Bedauern; nichts als diese körperliche Erschöpfung, die dich ganz vereinnahmt und dir nachts die Knochen zersägt. Manchmal wünscht er sich diese Art von Ursprünglichkeit; und doch weiß er, dass er eigentlich viel zu weichgewaschen ist dafür. Er würde auch gern Fische fangen und Bäume fällen und morgens im Fluss baden. Er würde gern als Nomade in Marokko leben und nachts unter den nackten Sternen schlafen. Aber dann fällt ihm ein, dass er es mit dem Rücken hat und schnell friert; hat er als Kind schon. Seine Mutter erzählte ihm früher, wie sie ihm manchmal zwei Mützen übereinander angezogen hat, und wie sich dann die Leute über seinen Kinderwagen beugten und seinen riesigen Kopf begafften. Wie eine unförmige Melone, sagte die Nachbarin immer. Die Nachbarin war groß und ausgemergelt wie ein abgelutschtes Stück Holz und roch nach Bratfett und Urin. Er kann sie noch heute nicht leiden. Fakt ist, er ist, trotz aller poetischen Bewunderung, nicht geschaffen für das rohe Leben. Er plant vorher und analysiert später, aber er lebt nicht im Moment. Er ist kein Handwerker; er ist der Architekt.

Die Menschen bewundern immer diejenigen, die genau dort sind, wo die Reize auf ihre Nerven treffen, die heute sind und heute denken, aber sie verkennen, dass es eigentlich viel mehr Mühe einfordert, ständig gleichzeitig, ständig überall und nirgendwo zu sein. Gleichzeitig die Straßen der Vergangenheit einzureißen und die der Zukunft zu errichten. Er schwingt über den Abgründen eines selbstangelegten Kapitalismus; es kostet so viel Zeit. Wofür ist Käse ein Symbol? Der Architekt lässt seine Schritte langsamer werden und bleibt etwas unsicher neben der Frau in der Schürze stehen, tut, als müsste er auf die Uhr sehen, blickt auf sein nacktes Handgelenk, schiebt seine Hand hastig wieder in den Ärmel.

„Machen Sie das schon immer?“

Der Wasserstrahl ist lauter als der unsichere Tenor, der ihm aus dem Mund fährt, und unbeirrt fährt die Verkäuferin fort, ihre Kisten abzuspritzen. Er räuspert sich.

„Machen Sie das schon immer?“

Da dreht sich die Frau um und hält ihm den Schlauch wie ein schlaffes Gewehr vor die Brust.

„Tut mir leid. Jetzt hammse mich aber erschreckt. Was sachten sie?“

„Ob Sie das schon immer machen.“ Fast bereut er, ein Gespräch angefangen zu haben.

„Seit ich denken kann. Davor hat mein Vater diesen Stand gehabt und davor mein Großvater. Sehn Sie!“ Nicht ohne Stolz zeigt sie auf ein hölzernes Schild über dem kleinen Zelt, Käse Picard – Qualität seit 1921, steht darauf. Er gibt sich Mühe, ein beeindrucktes Gesicht zu machen, er fährt nicht oft auf den eisernen Schienen der Gesellschaft, aber manchmal sieht er keine andere Wahl.

„Machen Sie es gerne?“

„Ob ich das gerne mache, Jungchen. Sie stellen Fragen. Man überlegt sich nicht, ob man es gerne macht oder nicht, man macht es einfach.“ Sie kratzt sich an einer schuppigen Stelle am Ellenbogen, genau an der Stelle, wo das weiche Fleisch ihres massiven Oberarms auf den Schorf in der Beuge trifft, und der Architekt wendet befangen den Blick ab. Solche Augenblicke sind ihm immer peinlicher als den Betroffenen, vielleicht weil er nie genau weiß, wo er auf der kurzen Linie zwischen indiskret und verklemmt oszilliert. Seine Stille und das beständige Kratzen, das die junge Nacht zerreißt wie Schleifpapier, bringen sie schließlich zum Reden.

„Früher wollte ich mal auf die Modeschule. Aber hilft ja nichts, der Stand ist unserer Familie und dann muss man den übernehmen. Da wird nicht groß gefragt, was man sich für seine Zukunft vorgestellt hat. Man macht es einfach“, sagt sie nochmal und hält inne. Sie überlegt kurz. „Und ich mach es ja schon gerne. Es ist halt Arbeit, ich rette damit vielleicht keine Leben, obwohl ja irgendwie schon, weil die Leut‘ wollen ja essen -“ Sie lacht ein leises, aber festes Lachen, man hört, dass sie Kettenraucherin ist, wahrscheinlich auch dem Alkohol nicht abgeneigt, immerhin hat sie guten Käse, denkt der Architekt, und dann guckt sie ihn freundlich und etwas ungeduldig an. Der Schlauch hängt kraftlos an ihrer knotigen Hand herunter. „Ham’se jetzt alles, was sie wissen wollen?“

Er hat, fürs Erste. Er nickt und sagt „Guten Abend“ und hätte er einen Hut auf, hätte er ihn gern gelupft, aber stattdessen hebt er die Hand zum Gruß und lässt sie auf halber Höhe wieder sinken wie ein Flugzeug, das zur Notlandung ansetzt, und dann steckt er seine inkompetenten Hände in die Manteltaschen und schlägt den Kragen hoch und läuft durch die Einsamkeit nach Hause. Er wohnt in einem ganz kleinen und hässlichen Haus am Stadtrand, der Architekt."


Bild: Instant Photography


Wednesday, December 09, 2015

Wie ein Text entsteht, selbst wenn er keine große Lust darauf hat.

Ihr stellt euch das so lässig vor, so roh. Mitten in der Nacht hat man diesen Einfall, man muss ihn einfach aufschreiben, diesen hemingway’schen „wahrsten Satz, den man kennt“, und dann steht man auf, kippt sich ein paar Gläser Rotwein oder Jack Daniel‘s hinter die Binde – Weißwein ist ja ganz nett, aber von einem lieblichen Sauvignon blanc hat noch niemand einen Roman geschrieben – und setzt sich an die Schreibmaschine, die im Takt des vor Aufregung und Ethanol wild klopfenden Herzens einrastet und ausrastet wie ein entlaufener Gaul. Gedanken weichen Gefühlen, die jetzt hektisch auf das Papier schwimmen, kraulen, durch die Tinte tauchen. Das Ganze ist natürlich emotional hochgradig aufgeladen, wie in einem Wahn wird die ganze Geschichte heruntergeschrieben, fast in einem Zug, nur für ein paar Zigarettenzüge hält man an. Nach dem vierten Absatz: der erste Atemzug. Auf Seite drei schreibt man den Satz, der später auf billige Postkarten gedruckt wird. Auf Seite sieben erkennt man, was die Welt im Innersten zusammenhält (Liebe und Physik). Man weint ein bisschen. Hinterher legt man die fünfzehn Seiten auf die Seite und duscht sich kalt ab, um den fiebrigen Schweiß herunter zu waschen. Nachspülen mit Whiskey. Neugeboren.

In Wahrheit schreibst du auf einem Laptop (nein, kein Macbook; einfach nur ein stinknormaler, scheißlangweiliger Laptop). Es ist ein ruhiger Mittwochabend, den ganzen Tag war man wie elektrisiert von Inspiration, vom Herbst und seinen Schatten, die ganze Stadt leuchtet und vibriert, sie flimmert und zuckt! Jetzt hast du elf Tabs offen, einen Wikipedia-Eintrag über spanische Dublonen und streichelnden Elektro, Mails, eine Tageszeitung fürs Gewissen und Buzzfeed für den unsinnigen Rest, Facebook natürlich. Und irgendwo links unten ein blaues Worddokument, das sich ungefähr alle sieben Minuten höflich räuspert und nuschelt, „Ähm, wie war das denn jetzt, werde ich noch gebraucht?“

Langsam werden deine Augen feucht - kein Wunder, du glotzt seit fünf Stunden in einen ungeputzten Bildschirm. Du googelst „Schriftsteller, die zu Lebzeiten verkannt wurden“ und verstehst plötzlich deine kosmische Bestimmung. Du trinkst einen Schluck Leitungswasser und schreibst dann einen Text darüber, wie man keinen Text schreibt. Schlechtgeworden.


Bild: privat

Thursday, November 12, 2015

Pont au Change.

in englischer Sprache erschienen in The Offing

"In zwei Sekunden kann man einen Tequila exen oder zwei wieder auskotzen. In zwei Sekunden kann man sich einmal durch die Haare fahren oder alle abschneiden. In zwei Sekunden kann man verstohlen rülpsen oder für einen kurzen Moment die Welt atmen hören. In zwei Sekunden kann man nicht: sein Leben ändern. Aber eine Ampel kann es. Und genau so war es irgendwie auch, an einem nichtssagenden Mittwochnachmittag durchschnittlicher Luftfeuchtigkeit, als die Ampel an der Pont au Change von Rot auf Grün sprang und sich im Leben von Z. alles drehte.

Wie immer hatte sie sich beim Warten schräg nach hinten umgedreht, wo der Eiffelturm stand. Geduldig, gelangweilt, eine französische Charakternase aus Stahl. In einer Stadt, in der jeder Gedanke im Staub erstickt wird, weil alles schon gedacht, gesagt, gefühlt wurde, ist es schwer, irgendetwas völlig Neues zu tun; immer wenn ihr das klar wurde, wollte sie die Straßen umfalten und ausheben, Brücken spalten, Pflastersteine vom Asphalt brechen. Sie wollte die ganze Stadt in große Stücke reißen und sie schälen, häuten, entkernen.

Noch einmal umdrehen. Sie machte es nicht auffällig, vor allem aber machte sie keine Fotos, sie war ja keine gottverdammte Touristin. Nur sich vergewissern, dass er noch da war; dass man selbst noch da war. Alles war noch da, wie gestern. Wie immer. Im Café Bords de Seine saßen ein paar Leute alleine vor ihrem Espresso und taten beschäftigt oder ließen es bleiben, die Gesichter wie leere Teller. Ungeduldig trat sie von einem Fuß auf den anderen, es war März, aber immer noch kühl, außerdem war sie ja eben keine Touristin, sie konnte die abgegriffene Schönheit dieser Stadt auch im Vorbeihetzen bewundern. Um den Place de Châtelet schlängelten sich die Autos in wichtigtuerischer Eile, überrannten sich, blieben stecken. Es gibt keine Lücken in Paris. Paris ist eine Stadt wie ein gelebtes Leben, die ganze Topographie ein abgetretener Weg. Der Gedanke fuhr ihr in die Knochen wie ein stumpfes Skalpell. Und dann sprang die Ampel und sie lief los. Und dann sah sie die Lücke. Sah erst durch die Lücke hindurch und dann außenrum, auf das Gesicht links und rechts und oben und unten von dieser Lücke.

Wäre ein Gesicht ein fremdes Land, dann hätte sie diese Prärie in dem Moment betreten, als die Ampel umsprang an der Pont au Change. Am liebsten wäre sie durch dieses Gesicht spaziert wie durch einen Nationalpark und hätte sich in den Falten verlaufen. Vielleicht in der Grube links neben dem Mundwinkel niedergelassen und eine kleine Weißweinschorle bestellt. Aber weil es ja ein Gesicht war und kein Nationalpark, und weil sie ja nicht verrückt war und außerdem eh viel zu groß proportional gesehen, lächelte sie einmal hinein wie in einen Spiegel und sagte Hallo. Und der Zaun um die Lücke öffnete sich zu einem breiten Grinsen und sie ging rein."



Bild: Roger W (flickr.com) unter cc by-sa 2.0

Saturday, October 10, 2015

Und dann leben wir und kerben.

frei nach Gilles Deleuze und Félix Guattari, Mille plateaux

Jeder Raum ist zunächst glatt; liegt da, völlig offen und formbar wie ein weiches Stück Wachs. Unendlich. Schutzlos. Und dann leben wir und kerben. Und dann ist die Straße nicht mehr ein unbekanntes Stück Asphalt, sondern der Weg von dir zu einem Anderen. Dann ist die Stadt ein dichtes Koordinatensystem unzähliger Bezugspunkte, werden stumme flache Wände zu sprechenden Apparaten mit Struktur. Dann gehst du nicht mehr zwischen Häusern hindurch und siehst nur das: Häuser.

Plötzlich sind da Biographien hinter Gips und Beton. Du hast dich überall im glatten Raum festgeschlagen, deine Finger ins heiße Wachs gedrückt. Du bewegst dich zwischen fremden Schatten und läufst durch eine Stadt, die sich nur für dich hochgezogen hat. Dann ist da nicht mehr ein leerer Raum, dann verschwinden eindimensionale Fassaden. Du schlägst Kerben an jeder Ecke; und dann ziehen sich deine Linien wie schwarze Schnüre durch den Wind. Dann ist da der Weinkeller, in dem zu tief auf den Grund gekratzt wurde, ist der Club, vor dem du fünf Gin Tonic und die Erinnerung an einen Menschen ausgekotzt hast und dann ist da das Schuhgeschäft, vor dem dir deine Mutter samstags eine geknallt hat. Und du kerbst weiter.


 
 
Bild: Ellen Munro (flickr.com) unter cc by 2.0

Monday, October 05, 2015

90 Grad.

"Das Erste, was ich spüre, als ich die Augen aufmache, ist mein großer Zeh. Gleich danach: die gleichen Zweifel. Manche Leute preschen ja im Fahrtwind durchs Leben, mühelos, einen Arm lässig aus dem Fenster hängend, vielleicht eine Zigarette im Mundwinkel. Manche sind die entspannten Beisitzer, die nur den Soundtrack aussuchen müssen, während sie ein geübter Fahrer sicher über die Schlaglöcher hebt. Ich bin eher das quengelnde Kind auf dem Rücksitz. 

41 Grad, das Auto stampft wie ein Lavakessel durch die Asphaltwüste. Die Sonne ohrfeigt blasse Gesichter erbarmungslos durch die Fensterscheibe, Gurte brennen, Hemden kleben, irgendwo zwischen den Sitzen läuft ein Wassereis aus, als wollte es sagen, Leckt mich doch alle mal, ich verschwinde jetzt. Es läuft keine Musik, weil man mit Phil Collins irgendwie das Gefühl hätte, einem wäre noch heißer, und die zwei müden Menschen vorne haben aufgehört, sich über alles aufzuregen, wahrscheinlich machen sie im Stillen weiter. Ich bin das quengelnde Kind auf dem Rücksitz. „Sind wir bald da?“, frage ich zum vierzehnten Mal in einer halben Stunde und versuche, mir einen Tropfen Eis vom Ellenbogen zu lecken. Ich bin sieben Jahre alt und es ist mir scheißegal, dass die anderen Kinder in der Schule behaupten, keiner käme dort mit seiner Zunge hin. Ich bin ein bisschen zu dick, aber einfach weil ich weiß, dass es das wert ist und wenn ich will, komme ich überall hin, an den Ellenbogen und auch in den Urlaub. Holland, haben meine Eltern gesagt, ist toll, es gäbe dort Meer und verwunschene Wälder, Fahrradwege, Holzschuhe und hervorragenden Käse. Beim Käse hatten sie mich. Wäre ich älter und kein Einzelkind, würde mir vielleicht auffallen, wie erschöpft die Stimme meiner Mutter klingt, als sie sich zu mir umdreht und ihre Worte so beruhigend auf mein Gesicht tröpfeln lässt wie sonst nur unser rostiger Rasensprenger: „Ja, bald sind wir da. Und wenn wir ausgepackt haben, gehen wir ans Meer, okay?“ 

„Wenn Sie den Bericht über das Jubiläum im Krankenhaus fertig haben, gehen Sie doch bitte mal zum Bäcker, okay?“ 41 Grad, nicht einmal einen Ventilator haben diese beschissenen 22 Quadratmeter Nichtigkeitstristesse. Unter meiner schwitzigen Handfläche irrt eine Maus kreuz und quer über den flirrenden Bildschirm, ich öffne eine Alibi-Artikelseite und lese ein Tab daneben heimlich den Wikipedia-Eintrag über fortgeschrittene Geometrie, ich fasse meine feuchten Haare im Nacken zusammen und puste überschüssigen Kohlenstoff in die stickige Luft. Eine Fliege spaziert vom zweiten über den dritten Absatz und ich verspüre den dringenden Wunsch, mit ihr zu tauschen. Ich bin zwanzig Jahre älter und neidisch auf einen Zweiflügler. Ein Praktikum in der Lokalredaktion, haben meine Eltern gesagt, ist eine super Möglichkeit, endlich einen Fuß in die Tür zu bekommen, keiner hat im Feuilleton der ZEIT angefangen. Jetzt sitze ich also in harten Sesseln mit abartigen Mustern und mache das, was man auf Französisch auch „Les chiens écrasés“ nennt, überfahrene Hunde. Gott, ich wäre froh, würde ich tatsächlich über Mordfälle berichten. Stattdessen laufe ich mit einer Redaktionskamera zum vierzigsten Jubiläum der freiwilligen Zeitverschwender und schieße absurd schlechte Fotos, die dann am nächsten Tag auch noch tatsächlich abgedruckt werden. Als ich vom Bäcker zurückkomme und meinen Kollegen, die ich am besten mit der Farbe „beige“ beschreiben könnte, ihre Blätterteigbanalitäten auf den Tisch lege, weiß ich, dass ich morgen nicht wiederkommen werde. Das Billiggebäck ist durch, ich bin es noch nicht. 
Meine auf dem Rückweg sorgsam komponierte Kündigungsrede fliegt trotzdem in den Müll, stattdessen werde ich das abwickeln wie jeder rebellische Protagonist: einfach nicht mehr kommen. Ghosting am Arbeitsplatz, mein innerer Schweinehund wedelt begeistert mit dem Schwanz. Draußen schlägt mir die Nachmittagssonne frontal ins Gesicht, sie kommt mir hämisch vor, als versuche sie, die Menschheit systematisch auszubrennen. Nur ein Hang zum Pathos kann die stoische Indifferenz der Welt und des Wetters uns gegenüber manchmal aufheben, die platte Trivialität dieses Moments. Eine fette Frau mit weniger Klamotten als ihr aus gesellschaftlichem Anstand zustünden, teilt ihn sich mit mir. Ich nicke ihr kameradschaftlich zu, ich war ja auch mal dick, und fließe über die Metallsitze. 
Ich denke an diese Reise nach Holland. An das bestimmte Ziel, das ich vor Augen hatte, während ich den Sitz vollschwitzte, an die Gewissheit, das Meer. Am Bahnhofskiosk kaufe ich ein Bum Bum, streiche mir ein bisschen Softeis auf den Arm, lege die Zunge darüber und warte darauf, dass sich dieser Geschmack von Ankommen im Gaumen ausbreitet. Nichts. Es schmeckt nur nach Kunststoff und unerfüllten Freibadsehnsüchten und die Frau neben mir scheint leicht verstört angesichts meiner unkonventionellen Essentechnik. Macht man das jetzt so, fragt sie sich vielleicht, oder wohin kämen wir denn da. Außerdem schielt sie neidisch auf den knallroten Plastikhaufen in meiner Hand. Ich drehe mich weg und muss den Rest Bum Bum mit Sicht auf eine Oberleitungsstörung lecken, aber zumindest das Gehirn wird gekühlt. Mir ist ständig heiß und trotzdem habe ich das Gefühl, ich bin invariabel halbgar. Wir legen uns in vorgeheizte Jahre und irgendwie passiert nichts, außer zweimal 41 Grad im Sommer. Was fehlt, ist der rechte Winkel.

Mittlerweile habe ich erkannt, wieso mir die verwirrte Frau so vertraut vorkommt, woher ich den Schwung ihrer Nase kenne und das fliehende Muttermal über der Lippe. Es ist mein älteres Ich, das da neben mir sitzt und eigentlich würde ich gerne wissen, wieso verdammtnochmal ich in zwanzig Jahren wieder dick geworden bin, ich habe mich doch nächtelang nur von Kühlschranklicht ernährt, aber eine Frage drängt noch mehr: „Sind wir bald da?“ 
Ich werfe ihr das ganz vorsichtig vor die Füße, so wie man einem aggressiven Hund ein Stück Fleisch als Beruhigungsköder vor die Nase legt, mit ausgestrecktem Arm und spitzen Fingern, die Beine bereit zu rennen. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich die Antwort überhaupt hören will. Mein älteres Ich sagt nichts, ich versuche sie mit meinem Eis zu bestechen: „Bum Bum?“ Mir fällt im selben Moment auf, wie bescheuert das klingt, wie plemplem. Ich will doch einfach nur wissen, ob diese innere Unruhe irgendwann aufhört. Ob man jemals den Punkt erreicht, an dem man sich irgendwie vollständig fühlt und im Lot. Mein älteres Ego schweigt hartnäckig, dann brabbelt sie etwas von „Fällen“, „Konstruktion“ und „Grad“, steht schwerfällig auf und geht, ich werfe ihr den blauen Kaugummistiel hinterher. „Ich will aber nicht nach Stalingrad!“, rufe ich wütend. Ich will doch nur endlich ankommen. 

Wikipedia durchzuckt mich und ergibt plötzlich so etwas wie Sinn: „Ein rechter Winkel ist ein Winkel von 90 Grad. Zur Konstruktion gilt es, ein Lot auf einer Geraden zu fällen.“ Das Letzte, was ich spüre, als ich die Augen zumache, ist mein großer Zeh. Dann lasse ich mich fallen."


Bild: Franca Gimenez (flickr.com) unter cc by-nd 2.0


Monday, August 03, 2015

Schwarz-Weiß.


erschienen in der Anthologie des Superpreises für Literatur (Verbrecher Verlag, Berlin)

"An den Seiten ist Sacré Cœur kohlrabenschwarz. Zuerst und von weit weg sieht man immer nur die weiße Pracht, die sich über Paris aufschichtet wie frisch geschlagene Sahne; man muss sich die Zeit nehmen, darum herumzulaufen, um die verbrannten Flecken zu sehen. Ist es mit Menschen nicht auch so, denkt sie und schluckt und schmeckt Enttäuschung und Erleichterung und Hunger und läuft weiter.

Stiefel im Schnee. Ein Knirschen. Die gellenden Schreie der Mutter, Koffer mit offenen Mäulern. Männerstimmen, die die Winterluft zerreißen, Fenster bersten. Schreie. Ein letzter Kuss, nie eingelöst. Stiefel im Schnee. Wenn man doch nur vergessen könnte.

„Sie haben Alzheimer, Frau Goldmann“. Es ist nicht immer leicht, wenn Wünsche wahr werden, manchmal ist es sogar ziemlich beschissen. Der Mann im weißen Kittel vor ihr hat ein typisches Arztgesicht, mit scharfen Wangen und Wohlstandsfalten. Er lässt einen Kugelschreiber durch seine Medizinerfinger gleiten und schaut sie eindringlich an, als überlegte er, ob er sie für den folgenden Monolog wie ein Kind oder eher wie eine Erwachsene behandeln sollte. Das Zimmer ist gewöhnlich und bedeutungslos wie ein abgeschliffener Stein, es bietet keine Angriffsfläche. An den Wänden Querschnitte des menschlichen Körpers und die Kinder des Arztes, immerhin noch ganz. Wo ist deine Ehefrau, will sie ihn fragen, hast du Angst, sie aufzuhängen, weil du manchmal davon träumst, genau das zu tun? Sie will sich irgendwo festhalten, aber ihre nervösen Blicke rutschen an den sterilen Oberflächen ab. „Frau Goldmann“, sagt der Arzt eindringlich, es kommt irgendwie dumpf an und gleichzeitig ganz klar. „Wissen Sie, was das heißt, Frau Goldmann?“ Der Arzt hat sich offenbar dafür entschieden, sie wie eine begriffsstutzige Patientin zu behandeln, die nicht ahnt, dass sie sich von nun an den Arsch von einer unterbezahlten Polin abwischen lassen muss. Dass sie dabei zusehen wird, wie sie in sich selbst zerfällt. „Natürlich weiß ich das“, sagt sie, hält sich an der glatten Stuhllehne fest, nur mit den Fingerspitzen, und versucht sich krampfhaft daran zu erinnern, womit sie heute Früh ihr Brot bestrichen hat. Hatte es überhaupt Brot gegeben?

Raue Hände. Dreckige Fingernägel, die sich in ängstlich zitterndes Fleisch bohren. Schreie. Alkohol zieht aus ihren Schluchten, faulig und scharf. Blut auf dem Laken, wie eingebrannt. Stiefel im Schnee.

 Der Doktor redet noch ein paar Minuten auf sie ein, aber sie hört nicht zu, wozu auch, sie wird es ja doch gleich wieder vergessen, das hat er ja selbst gesagt. Dann drückt er ihr ein Faltblatt in die zitternde Hand, „Diagnose Alzheimer“ steht darauf, zwei lachende Senioren werfen ihr und der Diagnose ein debil-vitales Grinsen hämisch ins Gesicht. Sie verspürt das dringende Bedürfnis, sie zu schlagen, aber dann würde man sie erst recht für geistig verwirrt halten und einsperren. Die Gesellschaft mag keine alten Schachteln, die angebissene Perlenketten tragen und auf Reklamemenschen einprügeln. Die Gesellschaft mag Senioren, die sich in die Windeln machen und trotzdem fröhlich von Prospekten lächeln.
„Bis bald, Frau Goldmann. Und viel Glück.“ Der Arzt steht auf und exerziert diesen festen Händedruck an ihr, der Empathie und Selbstvertrauen gleichzeitig suggerieren soll. Es wird schon alles wieder gut, aber da müssen Sie jetzt auch irgendwo alleine durch, sagt dieser Händedruck. Ich stelle nur die Diagnosen. „Danke, Herr Doktor“, sagt sie, überrascht, wie fest ihre eigene Stimme klingt - „Und hören Sie auf, meinen Namen ständig zu wiederholen. Jeder weiß, dass man diese Masche spätestens im zweiten Semester lernt. Guten Tag.“
Draußen surrt Paris unter der Julisonne und trotz allem fühlt sie eine gewisse Ruhe, ein andächtiger Zustand völliger Klarheit. Noch kann sie sich wehren. Die Krankheit wird einem ganz allmählich alles nehmen: das Gedächtnis, den Mut. Die Würde. Ich will nicht vergessen, denkt sie. Lieber nichts als alles. Alzheimer ist ein Dieb, der alles in große Plastiksäcke steckt, den Plasmafernseher und den Goldschmuck der Verwandtschaft, die Haushaltsgeräte und alles Bargeld. Ein Dieb, der nur stiehlt, was dir am meisten wert ist. Und den Dreck zurücklässt. Noch weiß sie, dass sie vergisst und vergessen wird. Aber schon bald wird sie nicht mehr bemerken, dass sie immer die gleichen Fragen stellt. Sie wird wütend werden und aufsässig, wenn man sie wie ein unfähiges Kind behandelt und sich wundern, wieso die fremde junge Frau mit den feinen Haaren „Mama“ zu ihr sagt. Sie wird apathisch werden und den leeren Blick hinter ihrem Gesicht im Spiegel nicht mehr hinterfragen.

„Entschuldigen Sie, junger Mann, wo finde ich denn die Pfirsiche?“ Monoprix hat schon wieder umgeräumt. Der Mitarbeiter zeigt nach rechts, nur wenige Meter neben ihr wartet die Auslage, das Obst schaut sie beinahe vorwurfsvoll an, ein Apfel grinst höhnisch. „Aber Sie haben in Ihrem Korb doch schon einige Pfirsiche“, nuschelt der junge Typ vorsichtig. Die Welle kommt heftig und schnell, ein heißer Strahl aus Scham, aber sie reagiert auf so etwas mittlerweile, ohne groß nachdenken zu müssen: „Wissen Sie, alle meine Enkel kommen dieses Wochenende zu Besuch. Die lieben Pfirsiche, besonders die jüngste. Manchmal isst sie alles weg, ohne dass ihre Geschwister auch nur ein Stück erwischen!“ Dazu stolpert ein hysterisches Kichern aus ihrem Mund. Okay, das reicht, ermahnt sie sich, du übertreibst es, zudem sieht der Mitarbeiter nicht aus, als würde er sich für ihre fiktiven Familienprobleme interessieren. Beschämt reiht sie sich in die Kassenschlange ein und kauft ein Dutzend praller Pfirsiche, von denen sie zehn zu Hause in den Müll kratzen wird. Wie letzte Woche.

Ein dunkler Bart, der an ihrer Wange kratzt. Alles an der Bewegung ist grob, ruckartig. Kaum unterdrücktes Stöhnen. Schreie. Die Augen offen und starr wie verlassene Höhlen, vor dem Fenster zittert die nackte Kastanie im Wind. Stiefel im Schnee. 

 Ihr ganzes Leben hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht als die Fähigkeit zu vergessen. Aber, wie immer kommt die Erkenntnis erst nach dem Fall, integrale Freiheit bedarf immer auch: Kontrolle. Sie schlingert unter den festen Händen der Krankheit, kann nicht auswählen, was sie behält und was vergisst, was sich in ihre Gehirnrinde gefressen hat wie Asbest und was einfach durchs Raster fällt. Kindheitserinnerungen und traumatische Erlebnisse bleiben Alzheimer-Patienten oft erhalten, hatte der Arzt bei ihrem vierten Treffen erklärt, und so stand es auch in dem Faltblatt mit den heuchlerischen Senioren. Auf einem kleinen Spiralblock in der Küche macht sie sich jetzt Notizen. Und jede Woche das Kreuzworträtsel. Ankämpfen gegen das Vergessen, obwohl man sich ihm am liebsten hingeben würde, hineinfallen will in ein Vakuum totaler Taubheit. Pfirsiche werden vergessen, Telefonnummern, Namen, eigentlich alles, was die Identität für andere konstruiert. Aber was bleibt, sind die Bilder. Die Männer. Die Angst, wie Beton auf einem Schwimmer.

Lachen, kehlig und mokant. Etwas zieht an ihren Haaren, sie lässt die Tränen laufen, aber nach innen, alle Organe scheinen zu zittern. Von weit her die Stimme der Mutter. Schritte, die näher kommen, die Treppe rauf, nach Jahren kennt man jede Stufe, jedes Geräusch. Schreie. Falten im Nachthemd. Stiefel im Schnee. Stiefel im Schnee. Stiefel im Schnee. Stiefel im Schnee.

Schweiß überrollt sie wie eine Welle, nein, ein Tsunami, sie keucht, aber es übertönt nicht die Schreie in ihrem Kopf. Die Bilder kommen jetzt immer öfter. Meist aus dem Hinterhalt, es reicht, wenn ihr auf der Straße ein Paar schwarzer Schuhe entgegen schreiten oder der Geruch von klarem Schnaps. Nur noch ein paar Stufen. Der Atem geht stoßweite, aber sie versucht, die Stöße auszudehnen. Wenn ich jetzt umfalle, bin ich ganz alleine. Sie schiebt den Gedanken weg, auch dass sie sich auf dem Weg verlaufen hat, zweimal, konzentriert sich auf die Schritte. Bein heben, vorwärts. Bein heben, vorwärts. Sie hat noch keine Hilfskraft aus Osteuropa, die Blöße will sie sich nicht geben, ihre Rente reicht auch für zehn zusätzlich unberührte Pfirsiche und anderes Obst mit einer Schale aus Scham. Einatmen. Ausatmen. Widersprüche werden sich nicht auflösen, aber vielleicht will sie sich auch gar nicht auflösen. Ihr Atem wird immer ruhiger und zum ersten Mal seit Monaten hat sie den Anflug eines Gefühls der Kontrolle. Alles nehmen, was von mir noch bleibt, denkt sie und fühlt sich seltsam leicht dabei. Dann baut sich die Basilika in ihrer ganzen Zuckerbäckereleganz vor ihr auf: Sacré Cœur, Exil ihrer Ängste. Sie streckt ihre Hand nach der kühlen Mauer aus, betrachtet ihre faltige Hand und die Brandflecken auf dem weißen Kalk und lässt zu, woran sie das alles erinnert: Ein brennend kalter Januartag im Jahr 1945. Auf der harten Erde heben sich, ganz scharf, ein paar schwarze Schuhspitzen ab. Stiefel im Schnee."


Bild: Justin Schier (flickr.com) unter cc by 2.0